Forum Erziehungshilfen

ForE 1/99: Kommentar von Forum Erziehungshilfen 1/99: Alfred und die zertifizierte Jugendhilfe

von Hans-Ullrich Krause


Zunächst eine Episode: Charlotte, meine Großmutter, hatte, wie sie selbst es sagte, kein Glück mit den Männern. Einmal lernte sie Alfred kennen. Der war charmant, sah ausgesprochen gut aus, war kulturvoll, belesen und redegewandt. Er hatte aus der Sicht von Charlotte (und wahrscheinlich nicht nur von ihr) alle erdenklichen Qualitäten. Das Problem: Alfred war ein Heiratsschwindler. Diese Episode fiel mir ein, als mir kürzlich der Hochglanzprospekt einer Jugendhilfeeinrichtung auf den Tisch geriet, in dessen Mitte eine wunderschöne, in verschnörkelter Schrift verfaßte Zertifikatsurkunde eingeheftet war, „ISO 9000" oder so ähnlich.
Die Geschichte soll nicht sagen, daß ich gegen eine offensiv geführte Debatte um die qualitative Weiterentwicklung von Jugendhilfe wäre, ganz im Gegenteil. Angesichts erheblicher Defizite in der Entwicklung eigenständiger qualitativer Orientierungen, angesichts erheblicher Fehlerquoten in den Arbeitsfeldern der Jugendhilfe, ist es höchste Zeit, für kritische und genaue Analysen und für verläßliche Qualitätsentwicklungen und -sicherungen. Doch statt einer sachlichen und konkreten Auseinandersetzung wird euphorisch nach einer neuen Heilslehre Ausschau gehalten. Dominiert wird diese Lehre von der Idee, daß wir uns nur ein Beispiel an den Erfolgen der Wirtschaft nehmen brauchten, um in Windeseile Verbesserungen in den Wirkungen unserer Arbeit und in der Wirtschaftlichkeit erzielen zu können. Und: Staunen wir nicht tatsächlich gern über die angeblichen Fähigkeiten der Wirtschaft, die mit Konsequenz neue Qualitäten entwickeln und durchsetzen? Abgesehen mal davon, daß wir damit der typischen neoliberalen Sicht aufsitzen, bei der die Effizienz (d.h., mit immer weniger Menschen immer mehr leisten) im Mittelpunkt steht. Das wiederum ist aber ein für unseren Bereich zumindest in Frage zu ziehendes Kalkül (Was nicht heißt, daß nicht auch wir über den sinnvollen Einsatz von Ressourcen sehr wohl nachdenken müssen!). Im Mittelpunkt dieser Überlegungen steht jedoch etwas anderes, nämlich die Vorstellung, daß man in der Wirtschaft alles in den Griff kriegen könnte. Doch müßte man daran nicht ziemliche Zweifel anmelden?
Ich weiß nicht, wieviel Qualitätskontrolleure sich bei Mercedes Benz an der „A-Klasse" beteiligt haben. Und dennoch kippte das Ding beim legendär gewordenen „Elchtest" einfach um. Oder schauen wir uns die Deutschen Bahnen an. Qualitätskontrollen noch und noch. Und dennoch platzte ein Rad und hundert Leute knallen samt Zug gegen eine Brücke. Und wer kennt bei der DB nicht das leidige Problem permanenter Verspätungen und den meist unfreundlichen Service! Im neuen Lafayette-Kaufhaus in Berlin fallen in schöner Regelmäßigkeit riesige Glasfronten aus der Fassade, weil die Baufirmen den Druck des Grundwassers unterschätzt haben. Und die Firma Adtranz schließt ein Werk in Berlin-Pankow was sie ein Jahr zuvor über -zig Millionen Bundesfördermittel aufbauen durfte. Die Mitarbeiter werden, trotz schöner Personalqualitätsentwicklung „freigesetzt".
Die Beispiele von qualitativen Abstürzen in der privaten Wirtschaft sind ohne Ende. Sie zeigen, daß trotz enormer Aufwendungen die Dinge eben nicht in den Griff zu kriegen sind. Und auch in der Wirtschaftlichkeit, macht uns die Wirtschaft nun soviel auch nicht vor. Man bedenke nur der riesigen Subventionen, die die deutsche Wirtschaft jährlich verschlingt. Die dabei entstehenden riesigen Verluste tragen wir alle. Dagegen sieht der Etat der Jugendhilfe eher bescheiden aus.
Mit anderen Worten, ich plädiere für eine Versachlichung. Jawohl, wir brauchen eine Qualitätsdebatte, wir brauchen Qualitätssicherung, wir brauchen eigene Orientierungen. Und das mit Konsequenz. Aber wir brauchen kein modisches Geschwätz, uns nützen keine Allmachtsphantasien, allein mit Effizienzkriterien ist niemandem geholfen. Und an der Wirtschaft sich blind ein Beispiel nehmen, ist barer Unsinn (Was nicht heißen soll, daß wir nicht auch von der Wirtschaft lernen können!).
Vielmehr sollte sich Jugendhilfe auf eigene Kräfte und eigene Ressourcen verlassen, sollte den gleichberechtigten Dialog um Verbesserung der Arbeit mit allen Beteiligten führen, (so wie es die Gruppe des Kronberger Kreises für die Kitaerziehung entwickelt hat) sollte die Qualitätsverbesserungen als permanenten Prozeß verstehen, sollte auf Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen und die einmal eroberten Standards nicht wieder aufgeben.
Geht der Diskurs jedoch so weiter, wie in mancher Orten geführt wird, so haben wir bald viele schöne zertifizierte Einrichtungen, bei denen niemand weiß, was deren Geist ist. Und das erinnert mich ungewollt an diesen netten Mann, den Heiratsschwindler, Alfred.