Forum Erziehungshilfen

ForE 5/07 Demografie und Erziehungshilfen

Aus dem Inhalt:


Halle-luja Norbert Struck Demografischer Wandel und Hilfen zur Erziehung - Grundlegende Anmerkungen und feldspezifische Betrachtungen Ulrich Bürger Ja, mach nur einen Plan... - Demografischer Wandel und Jugendhilfe in Ostdeutschland. Eine Betrachtung der Entwicklung in der Stadt NeubrandenburgWerner Freigang/ Reinhold Schone Kinder- und Jugendhilfe in den neuen Bundesländern vor dem Hintergrund der Demografie und Abwanderung Interview mit Kerstin Dellemann Demografie und Migration: Anforderungen, Erwartungen und Chancen für die Jugendhilfe Gari Pavkovic "Lebenskompetenz erwerben" Bericht vom Fachkräfteaustausch 2007 in Japan Hanka Richter und Elisabeth Schneider Wirkungsorientierung in der Praxis. Werkstattbericht über die wirkungsorientiertere Ausgestaltung der Hilfen zur Erziehung im Landkreis Böblingen Werner Gaugel und Wolfgang Trede Der hallesche (Irr-)Weg: "Fachkonzept" und Dienstanweisung Nr. 93 Johannes Herwig -Lempp Reform des SGB VII Norbert Struck



Forum Erziehungshilfen erhalten Mitglieder kostenfrei! Weitere Informationen zur Mitgliedschaft.

Editorial:


Demografie und Erziehungshilfen

Der Grafiker Klaus Staeck zeigte vor einigen Jahren - als er aufgefordert wurde, ein Plakat zum Thema Demografischer Wandel zu entwickeln - 13 Säuglinge und titelte darüber "Das sind die Leute, von denen erwartet wird, dass sie unsere Schulden bezahlen". So leichtfüßig nähern sich wenige dem Thema, vielmehr galt die Auseinandersetzung mit Demografie lange als "staubtrockene Angelegenheit", die ein mühseliges Interpretieren von langen Zahlenreihe und Statistiken beinhaltete.

Das Interesse an den Auswirkungen von demografischen Wandlungsprozessen auf die Entwicklung von Strukturen und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe ist mittlerweile in der Bundes- und Kommunalpolitik deutlich gewachsen. Der im Oktober vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vorgestellte "Familienatlas 2007" ermittelt z.B. anhand von 16 demografischen und sozio-ökonomischen Indikatoren die Familienfreundlichkeit von 439 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland, das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) basiert auf Steuerungsüberlegungen zum Umgang mit dem demografischen Wandel.

Die Betrachtung und Analyse von demografischen Entwicklungen in den verschiedenen Altersgruppen weckt allerdings auch zunehmend das Interesse verschiedener Kämmerer in den Kommunen und Landkreisen, die eine Abnahme der Zielgruppen der Kinder- und Jugendhilfe und insbesondere der Erziehungshilfen gleichsetzen mit einem automatischen Rückgang des Jugendhilfebedarfs in den Feldern der Kinder- und Jugendhilfe.

Das vorliegende Heft greift deshalb das Thema auf und zeigt, dass für die Hilfen zur Erziehung immer auch andere bedarfsgenerierende Faktoren die tatsächliche Entwicklung von Fallzahlen und Hilfen beeinflussen wie zum Beispiel prekäre Lebenssituationen von Kindern und Familien, die Ausbausituation bestimmter Angebote (z.B. Kinderbetreuung), die Hilfedefinitionspraxis von Jugendämtern, das Nachfrageverhalten von bestimmten Gruppen der jungen Menschen und Familien u.a.m.

Im Zentrum des Heftes und des Einleitungsbeitrages von Ulrich Bürger stehen die Auswirkungen des differenziert zu betrachtenden demografischen Wandels auf die zukünftigen Inanspruchnahme der Hilfen zur Erziehung. Bürger bettet - regional wie altersspezifisch abwägend - die relative Bedeutung des demografischen Faktors ein in die zukünftige Neugewichtung des "knappen Guts der Kinder und Jugendlichen" auch in den Erziehungshilfen. Der Autor plädiert für eine frühzeitige Einmischung in die zu erwartenden Verschiebungen in den sozialen Sicherungssystemen und Verteilungskämpfe zwischen den Feldern der öffentlichen Daseinsfürsorge. Werner Freigang und Reinhold Schone ziehen am Beispiel einer vor sieben Jahren in Neubrandenburg eingeleiteten frühzeitigen Jugendhilfeplanung, die dem demografischen Wandel begegnen wollte, eine Zwischenbilanz. Ein von den Autoren schon 2001 entwickeltes Gutachten versuchte damals Hinweise auf eine sinnvolle Struktur der Kinder- und Jugendhilfe für eine veränderte Bevölkerungsstruktur zu konzipieren, um so einen fachlich sinnvoll strukturierten Um- und auch Abbau von Leistungen transparent zu halten. Mit dem Thema der demografischen Entwicklungen und ihren Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe beschäftigen sich nicht selten auch fachfremde Organisationen und Auftraggeber. Ein Beispiel dafür ist die Studie vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung "Effiziente Instrumente und Strategien für die Kinder- und Jugendhilfe in den neuen Bundesländern vor dem Hintergrund der Demografie und Abwanderung", die Punkte wie Probleme der Abwanderung von besonders leistungsfähigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen und sozialpädagogischen Fachkräften benennt, aber auch Begrenzungen aufweist, die im Gespräch mit der ehemaligen verantwortlichen Leiterin des Fachbereiches Jugend, Soziales und Gesundheit in Saalfeld-Rudolstadt, Kerstin Dellemann, deutlich werden. Schließlich öffnet Gari Pavkovic vom Stuttgarter Jugendamt das Thema des Heftes nochmals, indem er darauf hinweist, dass Kinder, Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund aufgrund der demografischen Entwicklung in den Einwanderungsstädten und -regionen vor allem der alten Bundesländer jetzt oder in wenigen Jahren die Mehrheit der AdressatInnen der Kinder- und Jugendhilfe ausmachen. Auf die damit verbunden Herausforderungen zum Beispiel bezüglich des Ausbaus spezifischer präventiv angelegter Angebote oder einer interkulturellen Öffnung der Dienste und Ausgestaltung der Zugänge seien insbesondere die Angebote der Erziehungshilfe nicht genügend vorbereitet.

Als Fazit quer zu den Beiträgen wird deutlich, dass der Rückgang bestimmter Altersgruppen in unterschiedlichen Regionen keineswegs eindeutig und linear zu finanziellen Einsparungen in der Kinder- und Jugendhilfe führen kann. Vielmehr spricht viel für eine genaue und gemeinsame Beschäftigung von öffentlichen und freien Trägern mit demografischen Daten, damit ein flexibles Einstellen auf wechselnde und neue Bedarfe von hilfesuchenden BürgerInnen möglich wird.

Josef Koch