Forum Erziehungshilfen

ForE 4/09 Gesundheitsförderung - neue Herausforderungen für die Jugendhilfe


UMF – Ungewissheit, Marginalisierung, fehlende Fakten? Michael Winkler Chancengerechtigkeit für ein gesundes Aufwachsen: Die Basisphilosophie des 13. Kinder- und Jugendberichtes Heiner Keupp Gesundheitsförderung und Prävention – neue Themen in den Hilfen zur Erziehung? Hanna Permien Diagnose ADHS – Hinweise zum vorsichtigen Umgang mit einer Trenddiagnose Ulf Sauerbrey, Christine Freytag Punktsiege beim Frühstück. Zur Rückkehr und Faszination normativer Pädagogik in der Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche Lotte Rose Kinder großziehen im globalen Dorf: Lektionen aus Südafrika (Teil II) Merle Allsopp „Eltern sein ein Leben lang“ - Mütter und Väter melden sich zu Wort Irmgard Köster-Goorkotte, Norbert Kohlmann Pflegeeltern mit Migrationshintergrund – ein Thema in der Jugendhilfe? Richard M.L. Müller-Schlotmann/Christiane Lotto Kinderrechte gehören in die Verfassung. Plädoyer für die Aufnahme von Kinderrechten in das Grundgesetz Jörg Maywald


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Editorial

Gesundheitsförderung – neue Herausforderungen für die Jugendhilfe

Gesundheit ist seit langem ein Thema in der Sozialen Arbeit. Viele sozialpädagogische Tätigkeitsfelder weisen einen direkten oder indirekten Bezug zur Gesundheit auf (z.B. Sucht, Behinderung, psychosoziale Versorgung etc.). Auch die Kinder- und Jugendhilfe hat zum Ziel, Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu erhalten, zu fördern und herzustellen, auch wenn sie meist eher implizit und nicht eindeutig in der Kinder- und Jugendhilfegesetzgebung und in Leistungsbeschreibungen benannt werden. Der 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung war der erste Bericht, der ausdrücklich für eine stärkere Verankerung von Gesundheitsförderung in der Jugendhilfe plädierte. Nicht nur der neuerliche Verweis auf eine präventiv ausgerichtete Programmatik von Jugendhilfe, sondern auch durch die Tatsache zunehmender Prekarisierung von Kindheit und Familie, die durch den Anstieg von Kinderarmut, Komplexitätszuwachse durch soziale Differenzierung und die Wirkung sozialer Ungleichheit auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gekennzeichnet sind, ist es nur konsequent, dass sich der 13. Kinder- und Jugendbericht im Jahr 2009 mit diesem Thema näher befasst hat.

Einleitend stellt der Vorsitzende der Sachverständigenkommission, Heiner Keupp, die zentralen Themenschwerpunkte des Jugendberichts heraus und beschreibt die paradigmatische Wende des Gesundheitsverständnisses, die seit der 1986 verabschieden Charta der WHO mit dem Begriff der Gesundheitsförderung verbunden ist. Die daraus resultierende Verabschiedung eines dichotomen Verständnisses von Krankheit und Gesundheit ist verbunden mit einer salutogenetischen Sichtweise. Diese fragt im Unterschied zu Erklärungen der Krankheitsentstehung (Pathogenese) danach, wie es Menschen gelingt, gesund zu leben. Keupp ordnet anschließend die programmatische Diskussion aktuell und kritisch auch sozialpolitisch ein.

Im Anschluss an diesen Grundlagenbeitrag greift Hanna Permien die Ausführungen von Keupp auf und beschäftigt sich mit der Frage der Relevanz von Gesundheitsförderung für die Jugendhilfe und speziell für die Erziehungshilfen. Bekannte Maßnahmen der Gesundheitsförderung im Bereich der Jugendhilfe zeigen sich häufig auf pädagogische Unterstützung beschränkt. Gerade die Erziehungshilfen bieten in ihrer Angebotsvielfalt, so Permien, einen geeigneten Rahmen, Partizipation, die Beachtung biographischer Bezüge und die Sensibilität für benachteiligte Kinder und Jugendliche in gesundheitspädagogischen Ansätzen zu berücksichtigen.

Ulf Sauerbrey und Christine Freytag schliessen im vorliegenden Heft mit einer kritischen Annäherung an die Trenddiagnose ADHS im Kindes- und Jugendlichenalter an. Die Dominanz der medizinischen Beurteilungspraxis lasse oftmals nicht genügend Raum für eine differenzierte Betrachtung der Entstehungs- und Bewertungszusammenhänge von kindlichen Verhaltensweisen, die als „abweichendes Verhalten“ wahrgenommen würden und mit Interventionen verbunden sind, die häufig fragwürdig und unangemessen erschienen. Sauerbrey und Freytag warnen vor diesem Hintergrund vor einer vorschnellen „Psychiatrisierung“ der Betroffenen.

Unreflektierte Projektionen und Diagnosen finden sich auch im Bild einer „überfressenen“ deprivierten Generation von Kindern und Jugendlichen. Lotte Rose beschäftigt sich mit der Frage, warum pädagogische Methoden zur Beeinflussung von Ernährungs- und Bewegungsverhalten eine große Attraktivität besitzen und welche Gefahren mit der unkritischen Übernahme solcher Programme verbunden sein können, die letztlich die Rückkehr in eine normative Pädagogik bedeuten können.

Es ist ein Anliegen der Redaktion, auf der einen Seite Informationen zu dem neuem Kinder- und Jugendbericht in diesem Heft zur Verfügung zu stellen, der sich erstmalig auch mit dem Thema von gesundheitlicher Ungleichheit im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe beschäftigt. Auf der anderen Seite wird mit diesem Themenheft der Versuch unternommen, aber auch den Blick für eine kritische Betrachtung zu den Folgen und Hintergründen eines impliziten „Gesundheitsimperativs“ zu schärfen, der bei der Rezeption der aktuellen Präventionspolitik (hinsichtlich Prävention und Gesundheitsförderung) häufig eine untergeordnete Rolle spielt.

Gregor Hensen und Josef Koch