ForE 5/09 20 Jahre neue Jugendhilfe Ost
Editorial
Kinder- und Jugendhilfe Ost?
Werner Freigang und Thomas Drößler fragen zunächst, was es denn zu feiern gäbe angesichts des 20-jährigen Jubiläums der Wiedervereinigung, was ist Gutes passiert in diesem Zusammenhang im Osten, was im Westen? Sie zeichnen manch überraschende Linie.
August Chassé und Barbara Bütow gehen in ihrem Beitrag den Deutungsmustern der unterschiedlichen Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe in Ost und West nach. Ostdeutschland, so ihre zentrale These, hat viel zu wenig eigene Ressourcen nutzen und daraus eigene Profile entwickeln können und ist jetzt – unter den Bedingungen der neoliberalen Umstrukturierung auch Sozialer Arbeit – sehr viel stärker von Sozialabbau, De-Professionalisierung und Ökonomisierung betroffen. Jens Pothmann zeigt an Hand der Ergebnisse der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik zu den ‚Erzieherischen Hilfen’, dass diese Leistungen ganz offenkundig notwendige Unterstützungsmaßnahmen für ostdeutsche Familien in schwierigen Lebenskonstellationen darstellen. Er weist explizit - und statistisch untermauert – auf wichtige soziale Indikatoren, die häufig einen Zusammenhang mit diesen prekären Lebenslagen aufweisen, wie beispielsweise die ökonomische Situation sowie der Familienstatus, hin. Im Gespräch mit zwei exemplarisch ausgewählten Protagonistinnen eines nach der Wende gegründeten selbstverwalteten freien Trägers mit Friedhelm Peters zeigen sich neben unverwechselbaren biografischen und regionalen Besonderheiten zugleich exemplarisch einige allgemeine Veränderungstrends, die die Kinder- und Jugendhilfe in Ostdeutschland aus einer experimentierfreudigen Situation tendenziell in eine Stagnation zu treiben drohen – und zwar ironischerweise dadurch, dass die Jugendhilfe (-verwaltung) sich konsequent, vielleicht sogar konsequenter als mancherorts in Westdeutschland, „modernisiert“. Schließlich haben wir ganz unterschiedliche KollegInnen gebeten auf zwei Seiten ihre „Verarbeitungen“ der letzten 20 Jahre mit den Ost-West-Erfahrungen im Hintergrund bewusst sehr subjektiv zu schildern. In Form eines Kaleidoskops schildert deshalb die langjährige IGfH-Fortbildungsreferentin, Katrin Schröter, ihre Metamorphosen als erfahrene Fachkraft in der Jugendhilfe Ost wie West. Anschließend dokumentieren wir Gesprächsausschnitte eine Gruppendiskussion zum Thema „1989 und die Veränderungen in der Jugendhilfe“ zwischen drei Kolleginnen in einem Heimverbund in der Märkischen Schweiz. Tanja Redlich, zur Wende in Ausbildung zur Erzieherin im Osten, Doris Bergmann, langjährig im Hort tätig und zur Wende gerade in der stationären Jugendhilfe im Osten angefangen sowie Marie Dulle, zur Wende gerade im letzten Semester ihres Studiums im Westen gleichen ihre Sichtweisen ab. Schließlich zieht Christian Bull, heute in einem ostdeutschen Jugendamt tätig, eine ganz subjektive Bilanz und betont, dass es um Themen, Standpunkte und nicht um territoriale Herkunft geht.