| von Burkhard Lensing
Abstract: Ängste, Unwissen und Vorurteile hindern BetreuerInnen in Einrichtungen der Jugendhilfe häufig, sich dem Drogenproblem der Jugendlichen zu stellen. Der Autor berichtet vom Erfahrungsprozeß eines Teams, das im Diskurs miteinander und mit den Jugendlichen zu einer veränderten Einstellung und damit zu einem offensiven pädagogischen Handlungsansatz gefunden hat.
Der Bericht schildert Erfahrungen des Teams im Jugendwohnhaus Erphostraße in Münster. Das Jugendwohnhaus ist eine stationäre Einrichtung der Jugendhilfe mit 9 Plätzen und gehört zum Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE). Die Unterbringung erfolgt auf der Basis von §§ 19, 34, 35, 41 KJHG sowie § 72 BSHG. Der VSE ist ein freier Träger der Jugendhilfe. Er ist dezentral und basisdemokratisch organisiert. In den annähernd 50 Projekten arbeiten heute mehr als 150 MitarbeiterInnen in Kinder- und Jugendwohnhäusern, Mobilen Betreuungen, Wohngruppen, Stadtteilbüros, Beratungsstellen, Krisenhäusern, Erziehungsstellen und ambulanten Betreuungen.
Der bewußten Entscheidung des Teams, bestehend aus 5 hauptamtlichen Pädagoginnen und Pädagogen, sich auf die Betreuung drogengebrauchender und -abhängiger Jugendlicher einzustellen, ging ein mehrjähriger Erfahrungsprozeß voraus. Bis dahin sahen die offiziellen Aufnahmekriterien eine Betreuung dieser Jugendlichen nicht vor. Die Praxis sah aber immer schon anders aus: der Belegungsstatistik ist zu entnehmen, daß weit über 50 % der Jugendlichen in der Einrichtung bereits vor der Aufnahme über einschlägige Drogenerfahrungen verfügten bzw. Drogen jeder Art konsumierten.
Trotz des Wissens über den Drogenkonsum der Jugendlichen ging das Team in der Vergangenheit eher defensiv mit dieser Realität um. Häufig wurde das Team erst zu einem Zeitpunkt aktiv, als andere Jugendliche auf den Drogenkonsum eines Jugendlichen aufmerksam machten: „....merkt ihr denn überhaupt nicht, daß..." oder „....wann tut ihr endlich was...?", oder aber das äußere Erscheinungsbild des Jugendlichen (Ränder unter den Augen, ausgezehrt, verwahrlost etc.) forderte zu Reaktionen heraus. In diesen Situationen verfiel das Team schnell in Panik und Hysterie. Häufig reagierte es mit Ausgrenzung, Entlassung oder Verlegung in eine andere Einrichtung, in der Regel in die Psychiatrie.
Kaum ein anderer Bereich in der Jugendhilfe löst bei Pädagogen soviel an Ängsten, Unsicherheiten und Hysterien aus wie der Bereich „Arbeit mit drogengebrauchenden Jugendlichen". Erklärungen dafür gibt es viele, u.a.
- besteht seitens der Pädagogen häufig eine große Unkenntnis hinsichtlich der Beschaffenheit und Wirkung von bestimmten Drogen,
- besteht häufig eine Rechtsunsicherheit der Pädagogen (Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen bei „Komplizenschaft", vgl. Münder 1995),
- haben Pädagogen aufgrund ihrer eigenen Sozialisation Vorurteile und Befürchtungen, die sie bisher nicht reflektiert haben.
All das kann dazu führen, daß Pädagogen zwar einen enormen Handlungsbedarf erkennen, sich aber sprach- und handlungsunfähig fühlen.
Darüber ist das Team miteinander in den Diskurs getreten. Die eigenen Einstellungen zu Drogen, der eigene Konsum, Ängste, Erfahrungen, Vorurteile, Befürchtungen, all das wurde untereinander ausgetauscht. Es wurde dabei deutlich, daß trotz vieler eigener Erfahrungen im Team insgesamt ein hohes Unwissen insbesondere über die heutige „Szene" vorlag. Den Teamern wurde deutlich, wie sehr sie sich langsam aber stetig aufgrund eigener, veränderter Lebenszusammenhänge und des fortschreitenden Lebensalters in vielen Bereichen von den Interessen und Lebensgewohnheiten der Jugendlichen entfernt hatten. Als das Team vor mehr als 10 Jahren die Arbeit aufnahm, hätten die Teamer bezüglich des Lebensalters die älteren Geschwister der Jugendlichen sein können; heute könnten sie bereits die Eltern sein. Das heißt, das Team mußte sich mehr und mehr sachkundig machen. Es muß wissen, was in der „Szene" „angesagt" ist und auch über ein gewisses Maß an „Stoffkunde" verfügen.
Ein weiterer Aspekt wurde deutlich: bis dahin hatte das Team den Drogenkonsum der Jugendlichen weitestgehend isoliert betrachtet, d.h., es hatte die Droge, die Sucht in den Mittelpunkt seines pädagogischen Handelns gestellt und nicht den Jugendlichen mit all seinen übrigen Neigungen, Interessen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und zu leistenden Entwicklungsaufgaben. Dabei steht es außer Frage, daß zu den Entwicklungsaufgaben, die Jugendliche zu bewältigen haben, auch der Umgang mit Drogen gehört. Der Versuch, den Drogengebrauch zu eliminieren, führt eher dazu, Probleme, die durch den Gebrauch entstehen, zu intensivieren statt zu lindern. Mehr und mehr kam das Team zu der Erkenntnis, den Drogenkonsum Jugendlicher als „normale" pädagogisch-professionelle Herausforderung anzusehen.
In einem zweiten Schritt hat das Team den Jugendlichen gegenüber seine relative Unkenntnis bezüglich des Themas „Drogen" eingestanden. Im Rahmen einer Hausversammlung wurde das Thema öffentlich gemacht. Dabei kam es rasch zu einem regen Austausch aller Anwesenden. Dem Team erschien es im Nachhinein so, als hätten viele der Jugendlichen darauf gewartet, öffentlich darüber reden zu dürfen. Einige Jugendliche waren aber auch mißtrauisch: „...was passiert mit mir, wenn ich meinen Drogenkonsum mitteile...?", „...werde ich jetzt hinausgeschmissen...?", „...kann ich den Betreuern vertrauen...?". Das Thema „Vertrauen" zieht sich zwar grundsätzlich durch die Betreuungsbeziehung, bekommt aber in bezug auf die Arbeit mit drogengebrauchenden Jugendlichen für diese eine nahezu existentielle Bedeutung.
Im Verlauf der Diskussion „outeten" sich einige „Experten". Auf viele Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gesprächsrunde hatten aber auch sie keine ausreichenden Antworten. Ihr Wissen über Wirkung, Zusammensetzung und mögliche Risiken des Drogenkonsums war an vielen Punkten wenig fundiert. Auch verwickelten sie sich zunehmend in Widersprüche und stellten sich somit selbst bloß. An dieser Stelle wurde die Hausversammlung beendet und vertagt. Gemeinsam mit den Jugendlichen wurde vereinbart, externe Fachleute der Drogenberatungsstelle „INDRO" einzuladen. Zu dieser Versammlung waren wieder alle Jugendlichen erschienen. Sie bekam jedoch eine andere Qualität: Drogen und deren Konsum wurden nicht mehr, wie noch auf der vorangegangenen Versammlung mystifiziert, sondern es wurde mehr über den unterschiedlichen Drogengebrauch, über die sehr unterschiedlichen Erfahrungen der Jugendlichen damit, sowie über Risiken und Gefahren des Konsums diskutiert. Dem Team wurde dabei u.a. deutlich, daß es in der Arbeit mit drogenkonsumierenden Jugendlichen um „Genußerziehung" gehen wird, um eine Vermittlung von Handlungskompetenz im Umgang mit Drogen.
Als ein Ergebnis der Hausversammlungen vereinbarten die Jugendlichen und das Team die Installierung einer „Kifferrunde". An einem festen Termin in der Woche treffen sich alle, für die das Thema Drogen interessant ist. In dieser Zeit ist der Konsum von Drogen, mit Ausnahme des Konsums der legalen Drogen Kaffee und Nikotin, untersagt. Die Themen der „Kifferrunde" haben sich mittlerweile erweitert. Ging es anfangs beinahe ausnahmslos um den Gebrauch, die Wirkung und die subjektive Erfahrung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, geht es heute zunehmend um Bereiche wie Freizeitgestaltung, Lebensperspektiven, Gruppenzugehörigkeiten, Eigen- und Fremdwahrnehmungen, ohne dabei jedoch den Kontext „Drogenkonsum" aus den Augen zu verlieren. Es veränderte sich im Verlauf auch das Selbstverständnis der Teammitglieder. Lange Zeit verhielten sie sich eher wie „Prediger", die schnell mit Diagnosen und Rezepten aufwarteten. Heute verstehen sie sich eher als „Motivatoren", wobei es darum geht, die Reflexionsbereitschaft der Jugendlichen zu fördern. So leistet das Team nunmehr Hilfen bei der Abwägung von Vor- und Nachteilen des Drogenkonsums Jugendlicher (vgl. Diekmann/Visser 1996). Es entwickelte sich dabei ein vertrauensvolles, sich gegenseitig akzeptierendes Klima. Für einige der Jugendlichen ist es eine völlig neue Erfahrung, über ihren Drogenkonsum mit Pädagogen sprechen zu können, die nicht sanktionieren, sondern kompetente Gesprächspartner sind. Das Team macht seither die Erfahrung, daß es über das Thema „Drogen" hinaus auch in anderen wichtigen, die Jugendlichen betreffenden Bereichen einen viel intensiveren Zugang erfährt.
Im Jugendwohnhaus betreut das Team neben Cannabis- und ExstasyKonsumenten auch „Junkies". Wie immer ist bei einer Aufnahme der Einzelfall entscheidend. Die institutionellen Rahmenbedingungen, die derzeitige Gruppenkonstellation und insbesondere die Eindeutigkeit des Teams dieses zu wollen, bekommen dabei eine zentrale Bedeutung.
Literatur
Arend, Detlef u.a. (1987): Sich am Jugendlichen orientieren. Frankfurt a.M.
Diekmann/Visser (1996): Verhinderung von Ausgrenzung in stationären Einrichtungen - Arbeit mit drogennutzenden Jugendlichen, in: Wegehaupt, H./Wieland, N. (1996)(Hg.): In Kontakt bleiben. Dokumentation des 1. Europäischen Drogenkongresses in Münster. Münster.
Münder, Johannes (1993): Drogen in Einrichtungen der Jugendhilfe - Rechtliche Aspekte. Hannover. |