Forum Erziehungshilfen

ForE 4/01: Zur Geschichte der IGfH - FICE-Sektion Bundesrepublik Deutschland (1961-2001)

von Wolfgang Trede

Abstract: Vor vierzig Jahren wurde von LehrerInnen, ErzieherInnen und weiteren an einem inter-nationalen Austausch auf dem Gebiet der Heimerziehung interessierten Persönlichkeiten die westdeutsche Sektion der F.I.C.E. gegründet. Die "Fédération Internationale des Communautés d‘Enfants" selbst war eine 1948 auf Betreiben der UNESCO gebildete Plattform des europäischen Fachaustausches zwischen PädagogInnen aus Kinderdörfern und Heimen mit dem Ziel, die außerfamiliäre Versorgung kriegsgeschädigter und verwaister Kinder im Nachkriegseuropa zu qualifizieren.

Bis 1969 blieb der internationale Name unübersetzt, der "FICE-Sektion der Bundesrepublik Deutsch-land" erschien eine Eindeutschung als zu sperrig - „unter „Kindergemeinschaften“ konnte man sich kaum etwas Vernünftiges vorstellen“ (Vogt 1987, S. 5) -, den Begriff „Gemeinschaften“ empfanden die GründerInnen zudem durch die Nazis diskreditiert. Mit neuer Satzung und infrastrukturell gestärkt durch den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband gab sich der Verein dann im April 1969 den Namen „Internationale Gesellschaft für Heimerziehung“, zugleich bürgerte sich die Abkürzung IGfH ein. Im April 1992 schließlich wurde der Name geändert in „Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen“.

Dieser Beitrag will einen Überblick über die Entwicklung der IGfH geben: Wozu wurde die FICE gegründet, welche Aktivitäten hat sie in den verschiedenen Epochen entfaltet, welche Diskurse wurden geführt, welche Persönlichkeiten haben sie geprägt und welche impulsgebenden Veranstaltungen, Publikationen, Stellungnahmen sind zu nen-nen? Die Entwicklung des Verbandes soll dabei jeweils auf die allgemeineren fachlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklung bezogen und gefragt werden, auf welche Entwicklungen und Prob-lemstellungen die IGfH reagiert hat.

1. 1961 bis 1969: von einem kleinen Kreis international interessierter PädagogInnen zu einem Reformverband

Die Vorgeschichte

Der spezifische Charakter der FICE ist nur zu verstehen, wenn man weit vor dem eigentlichen Gründungsjahr der Sektion BRD ansetzt. Die Geschichte der FICE ist nämlich unmittelbar mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung verbunden. Zur Unterstützung und Betreuung der vom Krieg geschädigten Kinder und Jugendlichen wurden in verschiedenen europäischen Ländern unabhängig voneinander sozialpädagogische Einrichtungen gegründet, die anknüpfend an die reformpädagogische Bewegung der zwanziger Jahre auf dem Gedanken der Gruppen- und Gemeinschaftserziehung, dem Leben in Kindergemeinschaften basierte. Ihre Bezeichnungen waren: Kinderdorf, Kinderstadt, Kinderrepublik. Die Erziehung und Versorgung der kriegsgeschädigten Jugend wurde zu einem wichtigen politischen Thema der neu gegründeten UNESCO. Sie wollte vor allem die neu entstandenen Kindergemeinschaften unterstützen, die junge Menschen zu internationaler Verständigung erziehen wollten. Auf ihr Betreiben wurde im Mai 1948 anlässlich einer internationalen Tagung im Pestalozzi-Kinderdorf Trogen in der Schweiz die FICE gegründet.

Die westdeutsche Sektion wird gegründet

Die ersten Kontakte zwischen FICE und einer deutschen Einrichtung, der Odenwaldschule, wurden Anfang der 1950er Jahre durch Ernest Jouhy aufgenommen. Jouhy war zum damaligen Zeitpunkt Leiter eines jüdischen Heims für schwererziehbare Jugendliche in Frankreich und von der UNESCO beauftragt worden, eine Erhebung in sieben Ländern über die Lage der „Kriegsopferkinder“ in Heimen durchzuführen. Mit diesem Auftrag kam Jouhy zum ersten Mal in die Bundesrepublik und fand in der Odenwaldschule (durch ihren Gründer Paul Geheeb bereits traditionell in den internationalen reformpädagogischen Diskurs ein-ge-bunden) den Boden für eine erste „Zelle“ der FICE gut vorbereitet. Die Verbindung der Odenwaldschule zur FICE wurde bestärkt durch die Tatsache, dass Ernest Jouhy 1952 Lehrer an der Odenwaldschule wurde. Und so fand die internationale Jahrestagung der FICE im Jahr 1956 erstmals in Deutsch-land an der Odenwaldschule statt.

Danach bildete sich dort ein Initiativ- und Gründungskomitee, das die formelle Gründung einer westdeutschen Sektion aber erst Anfang der 1960er Jahre vollzog, weil die FICE-Aktiven in dieser Frühzeit fast ausschließlich Lehrkräfte der Odenwaldschule waren und sich diese schwer taten, die deutsche Heimerziehung als Nationalsektion gleichsam formell auf der internationalen Bühne zu repräsentieren, zumal ihre Einrichtung als Landerziehungsheim eher untypisch für die deutsche Heimszene war. LehrerInnen der Odenwaldschule nahmen als Vertreter des Initiativkreises aber in den folgenden Jahren regelmäßig an den internationalen Tagungen der FICE teil.

Interessanterweise habe ich keine Quellen über das in der Satzung vermerkte Datum der Vereinsgründung - „Der Verein wurde am 25.06.1961 gegründet“ (§ 1) - gefunden. Da der wirkliche Startschuss zu einer FICE-Sektion Bundesrepublik Deutschland im März 1962 erfolgte, gehe ich nach einem Gespräch mit dem Gründungssekretär Dr. Heinrich Kupffer, damals Lehrer an der Odenwaldschule, davon aus, dass das Initiativkomitee zur Vorbereitung einer formellen Sektionsgründung und um bereits eine Struktur präsentieren zu können, der Interessierte beitreten können, bereits 1961 eine Satzung eintragen ließ. In jenem Jahr wurden auch weitere Heime, Kinderdörfer und Einzelpersonen über die Odenwaldschule hinaus für eine Mitgliedschaft geworben. Ein wichtiges Motiv für die Gründung einer formellen Sektion dürfte auch gewesen sein, dass es bereits seit der FICE-Jahrestagung 1956 in Heppenheim eine „richtige“ FICE-Sektion DDR gab, die zunächst mit Prof. Dahlmann von der Humboldt-Universität Berlin, dann ab 1966 mit Prof. Mannschatz als Vorsitzenden hochrangig besetzt, gewissermaßen die offizielle Auslandsvertretung der DDR-Jugendhilfe darstellte. Nach Erinnerung von Prof. Mannschatz sind die FICE-Sektionen DDR und BRD zum gleichen Zeitpunkt und am gleichen Ort, nämlich 1956 in Heppenheim, gegründet worden. Dieser Sektion wollte man offensichtlich auf internationaler Ebene nicht allein das Feld überlassen.

Zur ersten Präsidentin wurde am 31. März 1962 Dr. Hannah Vogt, Journalistin und damals Referentin der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, zum Gründungssekretär wie bereits erwähnt Dr. Heinrich Kupffer gewählt. Die Hauptaufgabe der neuen Vorsitzenden sei es in den folgenden Jahren gewesen, so erinnerte sich Vogt (1987), für die zumeist im Jahresrhythmus stattfindenden internationalen Tagungen eine möglichst große westdeutsche Delegation auf die Beine zu stellen. Bis 1969 war die FICE-Sektion BRD nicht mehr (und nicht weniger!) als ein kleiner, zwischen 40 und 60 Personen umfassender Kreis von PädagogInnen, die am internationalen Austausch interessiert waren. „Innenpolitische“ Themen der westdeutschen Jugendhilfe spielten in der FICE-Sektion BRD keine Rolle, weder das 1961 in Kraft getretene Jugendwohlfahrtsgesetz noch die verfassungsrechtliche Debatte um Trägerstrukturen in der Jugendhilfe noch die ab ca. 1965/66 beginnende fachinterne Kritik an den Zuständen der Heimerziehung scheinen aufgegriffen worden zu sein.

Kennenlernen ausländischer Heimerziehung

Entsprechend enthalten die elf Nummern des „Mitteilungsblattes der FICE-Sektion Bundesrepublik Deutschland“, die zwischen 1962 und 1968 die schriftliche Kommunikation zwischen den Mitgliedern sicherten, vor allem Berichte von internationalen Zusammenkünften. Aus den schriftlichen Dokumenten geht hervor, dass es in jener Zeit zunächst einfach spannend war, (wieder) mit „dem Ausland“ in Kontakt zu treten. Hinzu kam, dass von Anbeginn west- und osteuropäische Länder in der FICE vertreten waren und die FICE-Tagungen für Fachleute im Westen wie im Osten einzigartige Gelegenheiten boten, auf die andere Seite des eisernen Vorhangs zu blicken.

Die verhandelten Themen kreisten bis Mitte der 1960er Jahre relativ eng um päd-agogische Fragen der Arbeit in den Kindergemeinschaften. Mehrfach ist dabei über das Kon-zept der SOS-Kinderdörfer debattiert worden, man kann wohl sagen: kritisch-konstruktiv. Denn einerseits gehörten die SOS-Kinderdörfer zur „Familie“ der Kindergemeinschaften, andererseits wurden die Re-du-zierung auf die „Mutterfamilie“ und eine „Verkitschung des Kinderdorfgedankens“ heftig kri-tisiert.

Gute Fachlichkeit, schwache Struktur

So fachlich interessant und menschlich wertvoll die internationalen FICE-Tagungen und Studienreisen waren, so schwach war die Struktur des Verbandes - auf der internationalen, aber mehr noch auf der nationalen Ebene. Auf der Suche, die schwache FICE-BRD besser in der westdeutschen Verbandsstruktur zu verankern und ihr eine hauptamtliche Struktur zu geben, klopfte Hannah Vogt 1967 zu-nächst beim AFET (Allgemeinen Fürsorge-erzie-hungs-tag, heute: Arbeitsgemeinschaft für Erziehungshilfe) in Hannover an, zumal zu derem Vor-sitzenden, Pastor Dr. Johannes Wolff, be-reits Kontakte bestanden und der AFET seit 1965 korporatives Mitglied der FICE-Sektion BRD war. Leider führten die Verhandlungen nicht zum gewünschten Ergebnis. Erfolgreicher verliefen dagegen die im Frühjahr 1968 begon-nenen Gespräche mit dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband in Frankfurt. Bereits im August 1968 fand ein Gespräch statt, an dem Vorstandsmitglieder der FICE und des DPWV teilnahmen. Sie vereinbarten, dass der DPWV das Sekretariat der FICE-BRD betreiben würde und erarbeiteten den Entwurf einer Satzung für die „neue“, beim DPWV beheimatete FICE-Sektion. Es bedurfte dann noch zweier Mitgliederversammlungen, -um das Re-formprojekt im April 1969 abzuschließen: Aus der FICE-Sektion Bundesrepublik Deutschland war die „Internationale Gesellschaft für Heimerziehung“ (IGfH) geworden.

Die Eindeutschung des Vereinsnamens und die begriffliche Ausweitung von den „Kindergemeinschaften“ auf die ganze Heimerziehung waren programmatisch zu verstehen. Bereits die Debatte um die neue Satzung hatte gezeigt, dass es - um die turbulenten Jahre 1968/69 herum - d-en Mitgliedern nicht mehr nur um eine stabilere Außenvertretung der westdeutschen Heimerziehung ging, sondern um die Gründung eines Reformverbandes zur Qualifizierung und Veränderung der deutschen Jugendhilfe. „Die Mitglieder wollten in der Satzung zum Ausdruck bringen, dass sie sich bewusst seien, eine sinnvolle Arbeit für die Heimerziehung müsse auf ihre Reform zielen“, heißt es in dem von Martin Bonhoeffer verfassten Protokoll der Mitgliederversammlung vom 30.11.19-68 (vgl. zu Bonhoeffer den biographischen Band von Frommann/Becker 1996).

2. 1969 - 1982: In den Jahren der Heimkampagne und Jugendhilfereformen wird die IGfH ein bedeutender Fachverband

Die Heimkampagne von 1969 als Beginn tiefgreifender Jugendhilfereformen

Zurecht wird die „Heimkampagne“ des Jahres 1969 als Zäsur in der Geschichte der Heimerziehung charakterisiert. Binnen kurzem hatten die politischen Aktionen der „Außerparlamentarischen Opposition“ gegen die repressiven und inhumanen Praktiken in den „Für-sorgeknästen“ und die dadurch entstandene öffentliche Debatte zu Veränderungen geführt, die schon seit Jahren von Teilen der Fachwelt angemahnt worden waren: Die Anstaltskleidung wurde ebenso abgeschafft wie der Appell, der Karzer wurde nicht mehr benutzt, es gab keine Strafabzüge mehr vom Taschengeld und keine Postzensur. Mit der Flucht von „Für-sorgezöglingen“ aus den abgelegenen Heimen in zumeist von Studenten betreute „Ju-gend-wohnkollektive“ in Frankfurt und anderen Städten entstanden zudem neue sozialpädagogische Wohnformen. Die nachfolgende Reformphase (vgl. ausführlich AG Heim--reform 2000) führte dann bis ca. 1982

Die eher punktuellen politischen Aktionen der Jahre 1969/70 hatten den Reformstau mit einem Schlag aufgelöst, progressive Fachkräfte in den Heimen aber auch viele Jugendbehörden mit engagierten MitarbeiterInnen konn-ten „endlich“ ihre Ideen einer Reform der Jugendfürsorge verwirklichen, die den jungen Menschen mit seinen Nöten und nicht das staatliche Ordnungsinteresse in den Mittelpunkt der Arbeit stellte.

Mit neuen Gesichtern wird die IGfH ein Reformverband

Ich werte es als eine glückliche Fügung, dass gerade zum Zeitpunkt einer dramatischen jugendhilfepolitischen Wende und an diesem Ort, im Zentrum der damaligen Heimkampagne Frankfurt am Main, die FICE-Sektion als Internationale Gesellschaft für Heimerziehung mit neuer Struktur und infrastruktureller Power ver-sehen wurde. Zum Vorsitzenden der IGfH wurde bei der Mitgliederversammlung am 26. April 1969 Dr. Albert Scholl gewählt, der im Übergang von der „alten“ FICE zur „neuen“ IGfH eine wichtige Funktion eingenommen hatte. Denn Scholl konnte als „Multifunktionär“, er war Leiter des baden-württembergischen Wohlfahrtswerks in Stuttgart, zugleich Vorsitzender des Albert-Schweitzer-Kinderdorfwerks, Schriftleiter der „Blätter der Wohlfahrtspflege“ und sowohl im Vorstand der FICE-Sektion als auch im Vorstand des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aktiv, wertvolle Vermittlungsdienste leisten. Zudem hatte es der DPWV bei den Übernahmeverhandlungen zur Bedingung gemacht, dass ein Vorstandsmitglied des DPWV Vorsitzender des neuen und noch recht unbekannten Adoptivkindes „IGfH“ würde. Wie bei Dr. Scholl sollte auch die zweite, zunächst über die DPWV-Schiene in den Vorstand gewählte Persönlichkeit zu einem großen Glücksfall für den jungen Verband werden: Gerhard Haag hatte bereits 1968 als damaliger hauptamtlicher Leiter der Fachabteilung des DPWV die Aufnahmeverhandlungen mit der FICE-BRD geführt und übernahm in der IGfH nun die Funktion des geschäftsführenden Vorstandsmitglied, die er bis 1993 innehatte. Gerhard Haag gelang es mit seinen Kenntnissen der bundesdeutschen Wohlfahrtspflege, seinen guten Kontakten zum Bundesjugendministerium (1969 erhielt die IGfH erstmals eine Förderung aus Mitteln des Jugendplans), dem organisatorischen Geschick und seinen Sponsoring-Ideen, der vormals schwäch-lichen FICE ein nachhaltig stabiles Gerüst zu geben und sie zu einem auch finanziell angemessen ausgestatteten Fachverband der Jugendhilfe zu entwickeln.

Es sagt viel aus über den Charakter dieses sich neu auf den Weg machenden Verbandes, wer neben Haag und Scholl in diesen „Gründungsvorstand“ gewählt wurde: Dr. Andreas Mehringer, der 1. stellvertretende Vorsitzende, war ein Heimreformer der „ersten Stunde“; er hatte aus dem Münchner Waisenhaus nach dem Zweiten Weltkrieg ein familienähnlich gestaltetes System altersheterogen zusammengesetzter Wohngruppen mit überschaubarer Gruppengröße geschaffen, ein Modell, das viele „frühen“ Reformer der 1950er und 1960er Jahre maßgeblich beeinflusst hat. Zum 2. stv. Vorsitzenden wurde Prof. Dr. Andreas Flitner gewählt. Der Inhaber des Tübinger Lehrstuhls für Pädagogik hatte sich in den 1960er Jahren der in der Erziehungswissenschaft randständigen Sozialpädagogik angenommen und eine stärkere wissenschaftliche Durchdringung dieses Arbeitsfelds unterstützt und vorangetrieben. Weitere Mitglieder des Vorstandes wurden Dr. Erdmuthe Falkenberg, die charismatische, progressive und unerschrockene Leiterin des hessischen Landesjugendamtes (vgl. den Nach-ruf von Horst Schaletzky in ForE 1/2001), Dr. Wolfgang Bäuerle, damals Referent für Grundsatzfragen bei der Arbeiterwohlfahrt, und der weiter oben schon erwähnte Martin Bonhoeffer, der zum damaligen Zeitpunkt gerade „oberster Heimreformer“ der Berliner Senatsverwaltung geworden war. Die beiden Letztgenannten, Wolfgang Bäuerle (als Vorsitzender 1971-1977) und Martin Bonhoeffer (als langjähriges Mitglied des Vorstandes zwischen 1969 und 1979), sollten zusammen mit Dr. Anne Frommann (die 1971 zur IGfH stieß) die inhaltliche Ausrichtung der IGfH im folgenden Jahrzehnt als eines ganz am Wohl des Kindes ausgerichteten, reformfreudigen Verbandes entscheidend prägen.

Dieser Gründungsvorstand symbolisierte zum einen erhebliche fachliche Kompetenz, ja fachliche Macht, zumal wenn man bedenkt, dass in ihm die Schriftleiter bzw. Herausgeber zentraler Fachperiodika der damaligen Zeit - „Unsere Jugend“ als Praktikerzeitschrift, die „Blätter der Wohlfahrtspflege“ als Verbändezeitschrift und die von Flitner mit herausgegebene „Zeitschrift für Pädagogik“ als Wissenschaftsorgan - wirkten. Zum anderen stand der recht heterogene Kreis von renommierten Persönlichkeiten glaubhaft für einen Verband, in dem es um den streitbaren, offenen fachlich-pädagogischen Diskurs mit dem Ziel einer Qualifizierung der Heimerziehung ging. Die IGfH wurde außerdem auch deswegen rasch zu einem Sammelbecken für die Reformkräfte und bot ihnen Möglichkeiten des Austauschs und des Rück-halts, weil sie als junger Heimerziehungsverband weniger als andere Fachverbände durch Loyalitätsgefühle gegenüber der „alten“ Heimerziehung gebunden war und entspre-chend -kritischer und freier agieren konnte.

Die Reformthemen der Siebziger

Die beherrschenden Verbands-Themen der folgenden Jahre waren die kritische Auseinandersetzung mit der herkömmlichen Heimerziehung, die Entwicklung neuer alternativer Konzepte einschließlich solcher im Bereich des Pflegekinderwesens, die Qualifizierung des Heimpersonals sowie die Demokratisierung des Heimalltags (vgl. hierzu den Beitrag von Gintzel in diesem Heft). Diese Schwerpunkte lassen sich bereits an den ersten Aktivitäten der IGfH 1969 und 1970 belegen: Im November 1969 beschäftigte sich die IGfH auf einer Tagung mit dem Thema „Jugendwohnkollektive“ (Hauptreferent: Prof. Klaus Mollenhauer) mit dem Ziel, diesen neuen Ansatz zu unterstützen. Eine internationale Studientagung zu Fragen der „Aus- und Fortbildung der Erzieher im Heim“ in Berlin trug im Februar 1970 Erfahrungen und Konzepte aus Schweden, England, der Schweiz, Holland, Österreich und Deutschland zusammen. In einer Resolution der 120 Tagungsteilnehmer wurde u.a. gefordert, dass

Schließlich, im April 1970, eine große Fachtagung mit dem Titel „Die Misere der Heimerziehung - notwendige Forderungen“. In der Einladung heißt es, aus heutiger Sicht einigermaßen dramatisch: „Seit der Gründung der Bundesrepublik hat sich unser Leben auf allen Gebieten sehr verändert. Die Misere der Heimerziehung blieb.“ Und am Ende des Einladungstextes: „Weder Klagen noch der übliche ‚Erfahrungsaustausch‘ helfen weiter. Vor-urteilsfreie Analysen und diagnostisches Denken in eigener Sache sind notwendig. Auch das Problem ‚Heimerziehung‘ ist lösbar.“ In den Plenumsbeiträgen forderten - mit je unterschiedlichen Akzentsetzungen - Flitner, Mehringer und Bäuerle eine Differenzierung und pädagogische Qualifizierung der Heime, aber auch den Ausbau von „Erziehungshilfen“ im Vorfeld. Drei Arbeitsgruppen diskutierten über „Diagnose und Aufnahme“ (Leitung: Erdmuthe Falkenberg), „Repression oder Emanzipation?“ (Prof. Klaus Mollenhauer) und „Teamarbeit und Führungsstil“ (Martin Bonhoeffer).

In dieser einen Fachtagung entfaltet sich beinahe vollständig das IGfH-Reformprogramm der kommenden (mindestens) zehn Jahre: Heimerziehung ist radikal kind- bzw. jugendlichengerecht umzubauen, sie ist als demokratische Praxis zu gestalten, sie ist entsprechend der ganz unterschiedlichen Problemlagen der Kinder bedarfsgerecht zu differenzieren, daher ist eine wissenschaftlich fundierte Dia-gno-sen- und Indikationsstellung vonnöten. Die Erziehungskräfte benötigen eine gute päd-ago-gisch-fachliche Ausbildung und kontinuierliche Stützung. Alternativen zur Heimerziehung sind auszubauen, sowohl in Richtung auf das Pflegekinderwesen als auch in Richtung auf Hilfen im Vorfeld einer Fremdplatzierung. Diese Reformideen waren getragen von einem durchaus zeitgemäßen, heute eher irritierenden pädagogischen und Technologie-Optimismus, dass nämlich mit dem hier kurz zusammengefassten Reformprogramm das „Problem ‚Heimerziehung‘ (...) lösbar“ sei.

Zentrale Aktivitäten in den Siebzigern

Foren, dieses Reformprogramm im Detail durchzuarbeiten, boten unzählige Fachtagungen, Kongresse, Publikationen und Projekte. Eine chronologische Aufstellung der nationalen und internationalen Aktivitäten einschließlich aller Publikationen der gelben Schriftenreihe 1970 - 1987 findet sich im Beitrag von Gerhard Haag zum 25jährigen Vereinsjubiläum (vgl. Haag 1987). Auch die seit Beginn der 1970er Jahre laufende Debatte um eine Reform des Jugendhilferechts zwang dazu, die eigenen Reformvorstellungen in Stel-lung-nahmen zu präzisieren. Aus der Fülle von Aktivitäten jener Jahre möchte ich erwähnen

den internationalen FICE-Kongress 1971 in Königstein (Hauptreferat Anne Frommann: „Das Kind zwischen Heim, Elternhaus und Verwaltung“), der der noch jungen IGfH viel öffentliche Aufmerksamkeit bescherte

die 1973 in Darmstadt realisierte Ausstellung „Heimerziehung - Heimplanung“, die u.a. für pädagogisch geeignete Neubauten von Heimeinrichtungen plädierte und damit Heimreform ganz wörtlich nahm

den von Martin Bonhoeffer und Peter Widemann herausgegebenen Sammelband „Kinder in Ersatzfamilien“ von 1974, der zusammen mit dem gleichnamigen Berliner Kongress von 1975 wegweisende Modelle für den Ausbau eines differenzierten Pflegekinderwesens entwickelte

den berühmten, viel diskutierten und zitierten „Zwischenbericht“ der Kommission Heim-erziehung von 1977, der sowohl eine hervorragende Bündelung der Reformdebatte seit Mitte der 1960er Jahre darstellte als auch mit seinen Entwürfen zu einem differenzierten, bedarfsgerechten System erzieherischer Hilfen der weiteren Debatte bis in die 1990er Jahre hinein die Richtung gab

die beginnende und zunehmend kritische Befassung mit der geschlossenen Unterbringung von Kindern und Jugendlichen als Maßnahme der Jugendhilfe, schließlich

die IGfH-Jahrestagung 1981, die charakteristisch für das Ende des „langen“ Reformjahrzehnts zwischen 1969 und 1981 fragte „Was kostet ein Kind?“.

1981 zeigte sich die Heimerziehung personell deutlich besser ausgestattet und professioneller, ihr Charakter war weniger disziplinierend. Es gab eine Vielfalt neuer Formen der Heimerziehung und von Hilfen im Vorfeld - einstweilen allerdings mehr auf dem Papier als in der Praxis. Heimerziehung war aber auch deutlich teurer geworden: 1970 hatte der durchschnittliche Pflegesatz in hessischen Heimen 20,50 DM pro Tag betragen, im Jahr 1979 betrug er 84,16 DM (vgl. AG Heimreform 2000, S. 119). Das sozialdemokratische „Modell Deutsch-land“ stieß an fiskalische Grenzen und die Heimszene erlebte erstmals seit langem Belegungsprobleme.

Die Verbandsentwicklung in den Siebzigern

In diesen reformideenreichen Jahren wuchs die IGfH zu einem bedeutenden Fachverband heran, der in der Heimszene gehört wurde. Die den Verband als Vorsitzende prägenden Persönlichkeiten jener Zeit waren Wolfgang Bäuerle (Vorsitzender 1971-1977; vgl. seine bei der IGfH verlegten gesammelten Schriften) und Anne Frommann (Vorsitzende 1977-1985; vg-l. das Porträt von W. Freigang in ForE 5/2000). Es würde zu weit führen, hier auf die vielen weiteren für die IGfH wichtigen Personen einzugehen, die sich im Vorstand, der Delegiertenversammlung oder auch in Projekten damals und heute ehrenamtlich engagierten. Erwähnt werden muss aber, dass bereits 1970 die erste hauptamtliche Stelle in der IGfH-Geschäftsstelle geschaffen worden war. Ab 1972 bis zu seinem Ruhestand 1996 wirkte auf der Stelle des pädagogischen Beraters und Sachbearbeiters Hans-Walter Muth (vgl. das Porträt von N. Struck in ForE 1/1996). Im Jahr 1980 wurde zusätzlich die Stelle einer Fachreferentin geschaffen, die von der Juristin und Dipl.-Päd. Hannelore Häbel (bis 1986) eingenommen wurde. Trotz dieser ersten Professionalisierung der Verbandsarbeit zwischen 1969 und 1981 muss jedoch nochmals deutlich auf die überragende Bedeutung ehrenamtlichen En-ga-ge-ments innerhalb der IGfH hingewiesen werden. Es ist ein Spezifikum dieses Verbandes, dass sich in ihm eine große Anzahl von Ehrenamtlichen weit über das übliche Maß hinaus engagierten und engagieren; ohne sie wäre auch heute die Verbandsarbeit nicht denkbar.

Es waren ansonsten, wie Anne Frommann sich erinnert, die „wilden Jahre“, die neben den oben genannten Themen weitere spannungsreiche inhaltliche Debatten mit sich brachten - z.B. über kleine Heime, die damals per se als pädagogisch fortschrittliche Alternativen zu den Großeinrichtungen angesehen wurden, oder über die Auswirkungen der damals neu eingeführten 40-Stunden-Woche auf die Betreuungskontinuität in Heimgruppen. Aber auch vereinsintern ging es hoch her. Insbesondere wurde von einer Reihe von Vereinsmitgliedern die undemokratische Struktur der IGfH kritisiert, weil im zentralen Beschlussgremium, der Delegiertenversammlung, die drei Mitgliedersäulen (Einzelmitglieder, freie Träger, öffentliche Trä-ger) satzungsgemäß gleichermaßen mit jeweils 5 Delegierten vertreten waren, ob-wohl die weitaus meisten Mitglieder der Säule der Einzelmitglieder entstammten. Gleichwohl blieb trotz aller Streitigkeiten und Satzungsdebatten die Satzung bis heute im großen und ganzen unverändert. Nach meiner Einschätzung funktioniert das „undemokratische“ System deswegen recht gut, weil die Delegiertenversammlung bislang kaum den Charakter einer „Funktionärsversammlung“ angenommen hat; im Vordergrund stehen - auch bei denjenigen Delegierten, die eine Einrichtung oder ein Jugendamt vertreten - die jeweiligen, den Grund-an-liegen der IGfH verbundenen Persönlichkeiten, freilich mit ihren jeweiligen, auch insti-tu-tio-nengeprägten Erfahrungen und Meinungen.

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3. 1982 - 1989: Die IGfH engagiert sich für eine Differenzierung der Hilfeangebote und eine Rehabilitierung „moderner“ Heimerziehung

Am Ende des „langen“ Reformjahrzehnts zwischen 1969 und 1981 erlebte die Heimerzie-hung die ersten Belegungskrisen, die objektiv zwar überwiegend demografisch bedingt waren, mit der gleichzeitigen Krise der Arbeitsgesellschaft und der damit einhergehenden Krise des lohnarbeitszentrierten Wohlfahrtsmodells jedoch eine tiefer gehende Verunsicherung be-wirkte. Was alle Reformideen der Siebziger nicht vermochten, entstand jetzt aufgrund des ökonomischen Drucks: Heime schufen neue Hilfeformen jenseits der klassischen Fremdplatzierung. Insbesondere die damals noch als „Tagesheimgruppen“ titulierten teil-stationären Hilfen und die Sozialpädagogische Familienhilfe erreichten innerhalb kurzer Zeit eine große Verbreitung.

Entwicklung bedarfsgerechter Erziehungshilfen und Neuorganisation sozialer Dienste

Ganz auf der Höhe der Zeit stellte die IGfH-Jahrestagung 1983 in Berlin die Frage: „Erziehungshilf-en noch bedarfsgerecht?“, die TeilnehmerInnen diskutierten über die neuen Angebote innerhalb und außerhalb der Heimerziehung sowie über die Neuorganisation sozialer Dienste. Es wurde über erste Regionalisierungsbemühungen in Hamburg (stadtteilbezogene milieunahe Heimerziehung im Schanzenviertel) und in Bremen (stadtteilbezogene Erziehungshilfe der Hans-Wendt-Stiftung) berichtet. Das Reformprogramm „Offensive Jugendhilfe“ aus Kassel wurde vorgestellt, das auf der Grundlage von vergleichsweise ernsthaft betriebener Jugendhilfeplanung ein möglichst bedarfsgerechtes System ambulanter Hilfen (u.a. Erziehungskurse, Familienhelfer, Jugendhelfer) aufgebaut hatte. Allgemein be-stand wohl der Eindruck, es gebe mittlerweile genügend gute Ideen, wie eine bedarfsgerechtere, offensiv helfende und sich einmischende Jugendhilfe aussehen könnte, nun dürften die Jugendämter nicht mehr länger auf ein neues Jugendhilfegesetz warten (die Reformdebatte um ein neues Jugendhilferecht währte damals bereits über 12 Jahre!).

Im Bereich der Heimträger entwickelten sich besonders die Tagesheimgruppen zu einem boomenden Markt. Die Nachfrage nach Plätzen in diesen „Heimen ohne Betten“ verlief stürmisch. Die neuen teil-stationären Angebote erforderten (und schufen) neue Arbeitshaltungen und Kompetenzprofile, so wurde die Zusammenarbeit mit den Familien der Kinder, mit der Schule und - im Falle der lebensfeldorientierten Tagesgruppen - mit dem sozialen Umfeld zu einem wesentlichen Feld der pädagogischen Arbeit. Bereits im April 1982 hatte die IGfH zusammen mit dem Diakonischen Werk Westfalen in Münster (Jugendhilfereferent des DWW und Hauptorganisator war damals Dr. Klaus Münstermann, der von 1985 - 1989 und von 1993 - 1996 erster Vorsitzender der IGfH werden sollte) und dem Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft eine erste Bundestagung der MitarbeiterInnen aus Tagesheimgruppen veranstaltet, die seit jener Zeit i.d.R. alle zwei Jahre mit jeweils größerer Resonanz (bei der 11. Bundestagung in Oldenburg 2000 waren es 675 TeilnehmerInnen!) stattfindet. In der Folge bildete sich unter dem Dach der IGfH eine bundesweite Arbeitsgruppe Tagesheimgruppen, die - besonders unterstützt vom damaligen Fachreferenten Alfred Köth (1985-1989) - zur ersten Fachgruppe der IGfH werden sollte.

Die Differenzierung der Angebotslandschaft hatte nun also auch die Verbandsstruktur erreicht und begann, nach und nach das Arbeitsspektrum des Heimerziehungsverbandes IGfH zu erweitern. Hinzu traten in den achtziger Jahren noch die 1988 gegründete Fachgruppe „Mäd-chenerziehung“ (Gender-Themen waren, abgesehen von ersten zu Beginn der achtziger Jahre von Hannelore Häbel organisierten Fachtagungen, bis dahin wenig präsent ge-blieben; vgl. hierzu den Beitrag von Luise Hartwig in diesem Heft) und die -Fachgruppen „Kleine Heime“ und „Mobile/Flexible Betreuung“.

Heime als lohnende Lebensorte

Neben dem Eintreten für eine bedarfsgerechte Differenzierung erzieherischer Hilfen kämpfte die IGfH in den achtziger Jahren für eine Rehabilitierung der Heimerziehung. Moderne Heime seien eben auch „lohnende Lebensorte“ (so der Titel der insofern programmatischen Jahrestagung 1985 in Münster), sie hätten sich im Verlaufe der davor liegenden 15 Jahre erheblich gewandelt, ihr Angebot differenziert und professionalisiert. Heime oder, wie es nun häufig hieß, Jugendhilfeverbünde hätten nichts mehr mit dem alten muffigen, kasernenartigen Anstaltscharakter zu tun. Die Heimerziehung solle da-her in der Öffentlichkeit nicht weiterhin mit negativen Vorurteilen überzogen, und „Heimkinder“ nicht entsprechend stigmatisiert werden. Dass die Verteidigung moderner Heimerziehung auch viel mit den damaligen ökonomischen Zwängen zu tun hatte, wird in der „Münsteraner Erklärung“ der IGfH von 1985 besonders deutlich (sie wurde im übrigen fast wörtlich 1986 als „Malmöer Erklärung“ auch von der internationalen FICE übernommen). Vehement wurde Position gegen eine „fiskalisch motivierte Heimkampagne von oben“ bezogen.

4. 1990 - 2001: Diversifizierung der Aktivitäten und „INTEGRA“

Hatte der Vorspann des IGfH-Geschäftsberichts für die Jahre 1987/1988 noch mit der Feststellung begonnen, dass in den Berichtsjahren „weder dramatische Umbrüche noch völ-lig neue Entwicklungen“ stattgefunden hätten, so wirkte dies aus der Retrospektive der Jahre 1990 ff wie die Ruhe vor dem Sturm:

1. Bereits im Herbst 1989 war wider Erwarten der Regierungsentwurf zu einem neuen „Kinder- und Jugendhilfegesetz“ in das parlamentarische Verfahren eingebracht worden und im Frühjahr 1990 auch verabschiedet worden.

2. Ebenfalls im Herbst 1989 begann mit den friedlichen Bürgerprotesten das Ende der DDR. Am 9. November 1989 wurde die Mauer geöffnet und elf Monate später, im Oktober 1990, war die DDR der Bundesrepublik „beigetreten“.

3. Ebenfalls 1990 hatte die Bundesregierung den Achten Jugendbericht vorgelegt, der mit seinen Entwicklungs- und Strukturmaximen einer „lebensweltorientierten Jugendhilfe“ - Prä-venti-on, Regionalisierung, Alltagsorientierung, Integration und Partizipation - für die gesamten 1990er Jahre Reformimpulse bewirkte.

Konkretisierungen einer lebensweltorientierten Erziehungshilfe

In der IGfH wurden die konzeptionellen Leitgedanken des Achten Jugendberichts intensiv diskutiert und auf den Bereich der Erziehungshilfen hin konkretisiert. Sie fielen hier auf besonders fruchtbaren Boden, weil die Vorschläge des Achten Jugendberichtes inhaltlich und personell eine hohe Affinität zu den längerfristigen konzeptionellen Debatten innerhalb des Vereins hatten. So hatte bereits ab den 1970er Jahren der Vorsitzende der Berichtskommission und geistige Vater des Konzepts einer lebensweltorientierten Jugendhilfe Hans Thiersch als aktives IGfH-Mitglied seit den 1960er Jahren und langjähriges Vorstandsmitglied in den 1970er Jahren seine theoretischen Überlegungen und Praxisanregungen zu einer alltagsorientierten Heim- und Wohngruppenerziehung in die IGfH eingebracht. Vera Birtsch, seit Ende der 1970er Jahre im Verband aktiv und zwischen 1989 und 1993 die Vorsitzende, hatte bereits in ihren Forschungen im ISS (u.a. zu Außenwohngruppen) zu Beginn der 1980er Jahre für den Ausbau einer dezentralisierten Heimerziehung und für regionale Jugendhilfeverbünde votiert. Friedhelm Peters, seit 1989 im Vorstand der IGfH und seit 1991 bis heute ihr 1. stellvertretender Vorsitzender, brachte seine kritischen Impulse aus der Hamburger Heimreform ein (vgl. auch seinen Beitrag in diesem Heft). Ich selbst habe - als Absolvent der „Tübinger Schule“ (Frommann, Liegle, Thiersch) und aufgrund eigener praktischer Erfahrungen in der stadtteilbezogenen Erziehungshilfe - ebenfalls einen Schwerpunkt meiner hauptamtlichen Tätigkeit seit 1989 auf die Entwicklung einer integrativen, sozialökologischen Orientierung sozialpädagogischer Hilfen gelegt.

Vom Papier „Ambivalenzen aushalten - Ausgrenzungen verhindern - Teilhabe ermöglichen. Perspektiven der erzieherischen Hilfen in den 90er Jahren“ von 1991 (vgl. Peters/Trede 1992, S. 168ff) über die Jahrestagung 1996 in Dresden mit dem programmatischen Titel „Lebensweltorientierung konkret - Jugendhilfe auf dem Weg zu einer veränderten Praxis“ und dem dort vorgestellten Positionspapier des Vorstandes „Lebensweltorientierung konkret: Erziehungshilfen neu gestalten!“ (vgl. Wolff/Schröer/Möser 1997, S. 274ff) bis zum Bundesmodellprojekt INTEGRA, das seit 1998 unter Federführung der IGfH den Aufbau einer integrierten, regionalisierten Hilfestruktur in 5 Regionen unterstützt und qualifiziert, zieht sich somit ein durchgängiger verbandlicher Diskurs, mit dem die IGfH eine wichtige Entwicklungsarbeit für die Erziehungshilfen insgesamt geleistet hat.

Die IGfH und die deutsche Vereinigung

Die meisten IGfH-Aktiven waren über die politischen Umwälzungen in der DDR und den anderen „Ostblockländern“ glücklich, wenn auch im Fall der DDR die sich abzeichnende rasche Vereinigung der beiden Staaten skeptisch beurteilt wurde, weil dies de facto eine Ko-lonia-lisierung des Ostens durch den Westen zur Folge haben würde. Es steht in einem gewissen Gegensatz zu dieser politischen Haltung, dass auch Anfang 1990 nie ernsthaft über die Reanimierung einer eigenen DDR-Sektion nachgedacht worden ist. Viel bedeutsamer waren die menschlichen und fachlichen Begegnungen, und diese kamen schnell zustande, zum einen weil es von früher noch persönliche Kontakte gab (bis in die 1970er Jahre war die FICE-Sektion DDR aktiv in der FICE gewesen, hatte sich dann aber vor allem wohl wegen Devisenmangels zurückgezogen), zum anderen weil die IGfH als fortschrittlicher, international ausgerichteter Fachverband für viele Fachkräfte aus der DDR besonders at-trak-tiv schien. Es ist bezeichnend, dass Hans-Ullrich Krause, Leiter eines Ostberliner Kinderheims, seit 1991 im IGfH-Vorstand und seit 1996 ihr 1. Vorsitzender, im Dezember 1989 zwei Vereinen beitrat: Amnesty International und (als erster DDR-Bürger!) der IGfH.

Die Einbeziehung von Ost-KollegInnen und ihrer Themen wurde in den Folgejahren bis etwa 1995 sehr ernst genommen. Zu erinnern ist z.B. an den Ost-West-Begegnungskongress vom November 1990, wo alle AG‘s, Podien etc. paritätisch aus Ost- und West-KollegInnen zusammengesetzt waren. In der Amtsperiode des Vorstandes 1991-1993 wurden KollegInnen aus den neuen Bundesländern als Gäste für die Vorstandsarbeit kooptiert. Im April 1992 startete ein dreijähriges Projekt, in dem, hauptamtlich begleitet und vorangetrieben durch Mechthild Wolff, eine Fülle regionaler Fortbildungen und Kongresse für Fachkräfte aus den neuen Bundesländern durchgeführt wurden und in jedem der neuen Bundesländer Regionalgruppen angeregt wurden.

Die Vereinigung der beiden Deutschlands in der IGfH ist nach meiner Einschätzung leidlich geglückt. Viele Fachkräfte aus den neuen Bundesländern haben in der IGfH so etwas wie eine fachliche Heimat gefunden und die Vorstandsarbeit wird seit Beginn der 90er Jahre durch „geborene Ossis“ entscheidend mitgeprägt, zu nennen sind hier neben dem derzeitigen Vorsitzenden Hans-Ullrich Krause die Dresdener Kollegin Sigrid Möser, die sich als 2. stellvertretende Vorsitzende seit Jahren intensiv für das INTEGRA-Projekt einsetzt sowie Katrin Schröter, die zunächst als Ehrenamtliche, dann ab 1997 als hauptamtliche Bildungsreferentin und Beraterin der IGfH aktiv ist und seit Jahren eine der treibenden Kräfte der Fachgruppe „Grundsatzfragen der Fremdplatzierung“ darstellt. Nach zehn Jahren Vereinigung ist indes auch festzustellen, dass sich manche fachliche Lücke zwischen Ost und West nicht schließt, sich vielmehr dauerhaft regional unterschiedliche fachliche Mentalitäten herauszubilden scheinen - wie sie freilich auch zwischen Niederbayern und Hamburg existieren.

Vom Heimerziehungs- zum Erziehungshilfeverband

Im April 1992 beschloss die Delegiertenversammlung, den Namen der IGfH unter Beibehaltung des Kürzels in „Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen“ zu ändern. Die Aktivitäten wurden in der Folge breiter, diversifizierter, die Heimerziehung wurde im Vereinsdiskurs zu einer Hilfeform neben anderen. Eine „punktgenaue“ Lobbypolitik wie sie noch in der Münsteraner Erklärung aufscheint, war nicht mehr möglich.

Es scheint von daher nachvollziehbar, dass sich in den neunziger Jahren neben den Querschnittsthemen, die intensiver behandelt wurden, wie Kinderrechte, multikulturelle Fragestellungen, Drogen sowie mädchen- und frauenspezifische Ansätze, Fach- und Arbeitsgruppen zu verschiedenen Formen der Erziehungshilfe wie Erziehungsstellen, „klassische“ Heim- bzw. Wohngruppenerziehung, Tagesgruppen und Inobhutnahme bildeten. Gerade diese Fachgruppen sind zu wichtigen Plattformen des fachlichen Austauschs und der konzeptionellen Entwicklung des jeweiligen Bereichs geworden, haben aber auch zu segmentierten Vereinsdiskursen geführt, die dem jugendhilfepolitischen Anliegen nach einer stärkeren Integration erzieherischer Hilfen eigentlich widersprechen. Aber dies sind Widersprüche, die ein - mit 40 Jahren - endgültig erwachsen gewordener Fachverband ausbalancieren können muss.

Literatur

Arbeitsgruppe Heimreform (2000): Aus der Geschichte lernen: Analyse der Heimreform in Hessen (1968-1983), Frankfurt/Main.

Birtsch, V./Eberstaller, M./Halbleib, E. (1980): Außenwohngruppen - Heimerziehung außerhalb des Heims, Frankfurt/Main.

Haag, G. (1987): Ein neuer Anfang - Chronik der IGfH-Aktivitäten. In: Materalien zur Heimerziehung 3/1987, S. 12-16.

Knöpfel-Nobs, I. (1992): Von den Kindergemeinschaften zur außerfamiliären Erziehung. Die Geschichte der Fédération Internationale des Communautés Educatives (FICE), Zürich.

Peters, F./Trede, W. (Hg.)(1992): Strategien gegen Ausgrenzung. Politik, Pädagogik und Praxis der Erziehungshilfen in den 90er Jahren, Frankfurt/Main.

Vogt, H. (1966): Heimerziehung in der DDR. In: Neue Sammlung 1/1966, S. 28-39.

Vogt, H. (1987): Zur Geschichte der FICE-Sektion der Bundesrepublik Deutschland. In: Materialien zur Heimerziehung 3/1987, S. 4-10.

Wolff, M./Schröer, W./Möser, S. (Hg.)(1997): Lebensweltorientierung konkret - Jugendhilfe auf dem Weg zu einer veränderten Praxis, Frankfurt/Main.