Forum Erziehungshilfen

ForE 4/08 Baustelle Partizipation


"Ich war drin-Garantie" im Kinderschutz? Thomas Meysen Partizipation zwischen Bedenken und positiver Utopie - Sichtweisen von Fachkräften auf Beteiligung Liane Pluto Warum Beteiligung? Hans-Ullrich Krause Rechtekataloge kann man verteilen - Beteiligung nicht! Rainer Kröger Warum wir uns über Beschwerden freuen?! Beteiligungsinstrumente in der Praxis Michael Erz Mitwirkungspflichten von Kindern und Jugendlichen - Rechtliche Voraussetzung für Hilfeangebote der Jugendhilfe? Hannelore Häbel 60 Jahre FICE-International - und die Kinder brauchen die FICE weiterhin Thomas Mächler "Und dann muss man sehen, wie man fertig wird" - konzeptionelle Empfehlung für die Arbeit im Pflegekinderwesen Manuela Kraf Gerechtes Aufwachsen ermöglichen! - Bildung - Integration - Teilhabe Norbert Struck


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Editorial

Baustelle Partizipation

Schon wieder Beteiligung? So, oder so ähnlich, stellen wir uns die Reaktion vieler LeserInnen auf unser aktuelles Schwerpunktthema vor. Aus Sicht vieler PraktikerInnen ist das Thema gar keines (mehr). Denn Beteiligung, oder Partizipation, ist eine Strukturmaxime der Jugendhilfe, von der behauptet wird, sie sei - seit der Achte Jugendbericht 1989 die Orientierung an den AdressatInnen und ihren Lebenswelten in den Mittelpunkt rückte - selbstverständlich. Dafür spricht die Vielzahl von Projekten und Artikeln. Doch bei genauerem Hinsehen scheint es in der Praxis nicht so gut damit bestellt: Beteiligungsformen a la "Spaghetti oder Pizza?" scheinen eher die Regel als die Ausnahme.

"Richtige" Partizipation ist anspruchsvoll. Sie ist ein Handlungsprinzip, das mit besonderen Anforderungen, Ambivalenzen und Unsicherheiten für die Fachkräfte verbunden ist. Partizipation verlangt nach mehr als Methoden und Konzepten. Sie liegt quer zu den herkömmlichen Standards und Verfahren. Sie fordert Fachkräfte und AdressatInnen täglich aufs Neue, indem sie die Fachkräfte nötigt, sich zurückzunehmen, sich auch in Frage stellen (lassen) zu müssen. Und weil sie Kinder und Jugendliche mit Anforderungen konfrontiert, die sie in ihrer bisherigen Biografie oftmals weder kennen noch zu bewältigen gelernt haben, kann Partizipation niemals einfach umzusetzen sein. Mit den Schwierigkeiten und Handlungsunsicherheiten befasst sich der Themenschwerpunkt.

Liane Pluto hat in einer Studie untersucht, wie der fachliche Anspruch der Partizipation von Fachkräften in den Erziehungshilfen wahrgenommen und in die Praxis mit ihren je spezifischen Rahmenbedingungen eingeordnet und umgesetzt wird. In ihrem Beitrag beschreibt sie Weisen der Auseinandersetzung und Reflexion von Fachkräften über das Thema vor deren berufspraktischem Hintergrund.

Welches Potenzial gelingende Beteiligung für junge Menschen und Fachkräfte birgt, zeigt der Beitrag von Hans-Ullrich Krause. Anhand von Beispielen werden weniger konkrete Verfahren beschrieben, als vielmehr die pädagogischen Anforderungen und Möglichkeiten aufgezeigt, die Beteiligung in Sachen Persönlichkeitsentwicklung und Demokratieerziehung bei jungen Menschen in sich trägt. Seine Maxime: Beteiligung erfordert professionelle Beteiligungs-Kultur in Einrichtungen und bei Fachkräften.

Diesen Aspekt rücken auch die Beiträge von Rainer Kröger und Michael Erz ins Zentrum. In einem 2005 beendeten Modellprojekt wurde in Einrichtungen des Diakonieverbundes Schweicheln e.V. nicht nur an Verfahren und Instrumenten der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen, sondern insbesondere an der Entwicklung einer Kultur der Partizipation gearbeitet, die Beteiligung für "beide Seiten" ermöglicht. Mit einem Abstand von drei Jahren beschreiben Rainer Kröger aus Sicht des Vorstandes und Michael Erz aus Sicht eines Projektkoordinators die praktischen Erfahrungen seit Ende des Projektes. Auf eindrückliche Weise wird gezeigt, dass der Anspruch, Partizipation lebendig zu halten, Herausforderungen insbesondere an Fachkräfte und Teams stellt.

Hannelore Häbel beschließt den Themenschwerpunkt mit einem Perspektivwechsel: Sie nimmt die "Kehrseite" der Partizipation, die Mitwirkung, aus rechtlicher Sicht in den Blick. Dabei geht sie der Frage nach, ob und inwieweit Partizipation auf die Erfüllung von Mitwirkungspflichten durch die AdressatInnen reduziert und zur Voraussetzung von Hilfegewährung oder zur Begründung für Leistungsbeendigungen gemacht werden kann. Ihr Fazit: Akzeptanz für Hilfen und damit Mitwirkungsbereitschaft ist ein Ergebnis von Beteiligung bei Bedarfsklärung und Hilfeentscheidung.

Unsere - doch sehr apodiktische Bestandsaufnahme am Beginn - bedeutet natürlich nicht, dass es keine kleinen und großen Veränderungen in der Praxis, keine umfassenden und erfolgreichen Konzepte gibt. Aber: Partizipation ist flüchtig, lässt sich nicht ein für alle Mal erreichen. Sie muss immer wieder neu erarbeitet werden. Und dies geschieht im Alltag, jeden Tag. Durch Fachkräfte. Das ist eine Essenz aus den Beiträgen: Partizipation zu realisieren erfordert neben umfangreichem Wissen vor allem eine entsprechende Grundhaltung der Fachkräfte. Das Heft soll Anregungen geben, die eigene Praxis (wieder) zu reflektieren und zeigen, dass gelingende Partizipation - in einem breiten Sinne - lohnenswert für alle ist.

Thomas Drößler und Xenia Spernau