Stellungnahme

Für eine neue Kultur des Aufwachsens. Stellungnahme der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen zum Zehnten Kinder- und Jugendbericht (Juni 1999)

Für eine neue Kultur des Aufwachsens
Stellungnahme der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen zum Zehnten Kinder- und Jugendbericht

Vor knapp einem Jahr hat die (vormalige) Bundesregierung den Zehnten Kinder- und Jugendbericht vorgelegt, der sich erstmals speziell mit den Lebenssituationen von Kindern und den auf diese Altersgruppe bezogenen Leistungen der Jugendhilfe in Deutschland befasste. Mittlerweile wurde von der neuen Bundesregierung bereits die Kommission für den Elften Kinder- und Jugendbericht berufen, während eine breite politische Rezeption der Ergebnisse und Erkenntnisse des Zehnten Jugendberichts bisher noch nicht erfolgte. Dieser Bericht sollte jedoch nicht in Vergessenheit geraten. Die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen nimmt daher wie folgt Stellung zum Zehnten Kinder- und Jugendbericht und fordert die Jugendministerin, Frau Dr. Bergmann, auf, den Bericht und seine Empfehlungen nochmals den parlamentarischen Gremien vorzulegen.

I.
Die zentralen Aussagen des Zehnten Kinder- und Jugendberichts werden seitens des Vorstandes der IGfH begrüßt. Seinem Resümee ist zuzustimmen, dass "Kinder und die Bedingungen ihres Aufwachsens nicht einer der zentralen Lebensbereiche der Gesellschaft [seien], von dem aus Entwürfe des persönlichen Lebens, Berufslaufbahnen, Institutionen und Zuteilungssysteme so strukturiert werden, dass es leicht ist, sein Leben mit Kindern zu teilen" (Zehnter Kinder- und Jugendbericht 1998, S. 297). Auch die abschließende Forderung nach einer "Kultur des Aufwachsens", verstanden als einer politische Kultur, die das Sorgen für und Zusammenleben mit Kindern als eine "primäre gesellschaftliche Verpflichtung" (S. 20) sieht und entsprechend honoriert, wird vom Vorstand der IGfH nachdrücklich unterstützt und für wertvoll erachtet.
Eine "Kultur des Aufwachsens" wäre geeignet, eine der beiden zentralen Aufgaben von Gesellschaften überhaupt wieder in ihrem Eigensinn kenntlich zu machen: Neben der eigenen Reproduktion muss sich jede Gesellschaft nämlich generativ erneuern, über die Sorge und Erziehung der nachwachsenden Generation Anschluss an die eigene Zukunft herstellen. Eine Kultur des Aufwachsens kann entsprechend sensibilisieren dafür, dass Kinder, und gerade "schwierige" Kinder, nicht nur als "Kostenfaktor" in Jugendhilfeetats, als "Freibeträge" und im Rahmen des "Familienlastenausgleichs" im Steuerrecht oder "Betreuungsbedarf" in der Kindergartenplanung auftauchen, sondern dass hier Grundbedürfnissen von Kindern nach Erziehung, Bildung und Betreuung entsprochen wird, und im übrigen einer der wichtigsten Aufgaben von Gemeinwesen überhaupt nachgekommen wird.
Besonders gelungen scheint uns in diesem Sinne der erste Teil des Berichts "Lebenssituationen der Kinder". Gesellschaft, Familie und pädagogische Institutionen werden darin gleichsam mit den Augen der Kinder gesehen, Kinder geraten damit nicht als Objekte erziehlicher Bemühungen, sondern als sich aktiv und eigensinnig mit ihrer Umwelt auseinandersetzende Subjekte ins Blickfeld. Damit kann eine leider weitgehend ausgeblendete gesellschaftliche Wirklichkeit überhaupt erst erkannt werden, und zu einer "partizipativen" Haltung als Grundvoraussetzung für eine stärkere Einbeziehung und Mitwirkung von Kindern im Bereich der Jugendhilfe angeregt werden. MitarbeiterInnen und Teams aus Einrichtungen der Jugendhilfe wird daher besonders dieser Teil zum Nachlesen und Nach-Denken empfohlen.

II.
Der zweite Teil des Berichts "Kinder- und Jugendhilfe: Leistungen und Herausforderungen" referiert die Situation, aktuelle Diskurse, Probleme und Perspektiven der verschiedenen Kinder- und Jugendhilfen in Deutschland ohne die Originalität des ersten Teils zu erreichen. Dies wird gerade im Leistungsbereich "Hilfen zur Erziehung" deutlich, wo es in den Empfehlungen heißt: "Sowohl der Achte Jugendbericht, der Lebensweltorientierung und Regionalisierung einfordert (...), als auch das KJHG bilden den Rahmen für die Weiterentwicklung" (S. 265). Dies entspricht wohl allerdings auch der Realität, daß sich Jugendhilfe immer noch und weiterhin an diesen beiden "Wegweisern" abzuarbeiten hat. Insbesondere ist den Folgerungen zuzustimmen, dass die Entwicklungsrichtung der Jugendhilfe im allgemeinen, der erzieherischen Hilfen im besonderen vorgegeben wird durch leichtere Erreichbarkeit von Hilfen, Regionalisierung und Sozialraumorientierung, Vernetzung mit anderen Einrichtungen, schließlich durch eine partizipative und integrative Orientierung:
"Aus der Sicht der Eltern ist wichtig, dass Hilfeeinrichtungen nah sind, auf die Lebensprobleme von Kindern und Eltern eingehen und soziale Isolation zu überwinden helfen. Diesen Wünschen kommen Sozialraum- und Gemeinwesenorientierungen der Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe entgegen. Mehr als bisher sollten diese Einrichtungen in einem Netzwerk mit Tageseinrichtungen, Schulen, Freizeiteinrichtungen, informellen Treffs und anderen Einrichtungen verbunden sein. Eltern verlangen nicht primär nach einem Ort hochspezialisierter Hilfen. Ihren Erwartungen entspricht ein breit gefächertes Leistungsspektrum, das ambulante, teilstationäre und stationäre Hilfen einschließt, die sie je nach Bedarf in Anspruch nehmen können" (S. 295).
Das von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) initiierte, vom Bundesjugendministerium geförderte und seit Oktober 1998 betriebene Bundesmodellprojekt INTEGRA schließt an diese Forderungen unmittelbar an und zielt auf die praktische Verwirklichung und Qualifizierung integrierter flexibler regionalisierter Angebotsstrukturen in der Jugendhilfe (vgl. 1. Rundbrief INTEGRA 1999).
Weiterhin ist positiv ist zu vermerken, daß sich die Kommission bemüht hat, bei allen behandelten Aufgaben- und Leistungsbereiche der Kinder- und Jugendhilfe die Differenzierungsebenen Geschlecht, Ethnie/Migrationserfahrung, Integration behinderter/gehandicapter Kinder und Region zu bearbeiten. Durch dieses Vorgehen konnte eine Reihe von Missständen des bestehenden Hilfesystems klar benannt werden, so insbesondere die noch mangelnde Berücksichtigung von Mädchen, Jungen und Familien mit Migrations- bzw. bikulturellem Hintergrund. So müßten sich beispielsweise Erziehungsberatungsstellen und auch andere ambulante Erziehungshilfen konzeptionelle Gedanken machen, was geändert werden müßte, damit ihr Angebot auch für Kinder und Familien mit ausländischer Staatsangehörigkeit als erreichbar und hilfreich eingeschätzt wird.
Schließlich ist positiv die - ja schon im ersten Teil des Berichts systematisch angelegte - Thematisierung der Kinderrechte hervorzuheben. Die "aktive Mitwirkung und Beteiligung von Kindern und Familien an allen sie betreffenden Hilfeplanungen und Hilfeprozessen" (S. 267) wird zurecht als zentrale Herausforderung für die Qualität erzieherischer Hilfen herausgestellt.

III.
Wenige zu kritisierende Punkte gilt es aus unserer Sicht zu benennen:
(1) Es verwundert, dass die besondere Situation der Jugendhilfe in den neuen Bundesländern kaum Beachtung fand (vgl. Will 1999). Anscheinend ging die Kommission davon aus, dass der Transformationsprozess der DDR-Jugendhilfe in das Westsystem abgeschlossen sei und nur noch gemeinsame Probleme und Ziele festzustellen seien. Allerdings sprechen die präsentierten empirischen Materialien eine andere Sprache. Diese weisen eklatante strukturelle und qualifikatorische Unterschiede auf, deren Konsequenzen im Text nicht thematisiert werden.
(2) Der 10. Kinder- und Jugendbericht hat sich u.E. zu wenig mit der Situation und möglichen Perspektiven des Pflegekinderwesens und der Erziehungsstellenarbeit befasst. Warum wurden nicht die Gründe genauer analysiert, warum das Pflegekinderwesen im deutschen System der Jugendhilfe eine relativ marginale Stellung einnimmt, seine Bedeutung sogar - gegen den Trend in allen anderen europäischen Ländern - abnimmt? Gerade für die in den Blick genommene Altersgruppe wäre doch bei Fremdplazierung vor allem an die Pflegefamilie zu denken. Wir hätten uns hier eine intensivere Bearbeitung des Themas gewünscht mit dem Ziel, fundierte Vorschläge für eine Aufwertung und Qualifizierung der Vollzeitpflege (in all ihren Formen von der Bereitschaftspflege bis zu den Erziehungsstellen) zu unterbreiten.
(3) Auch wäre eine intensivere Auseinandersetzung und eine fachliche Bewertung der Debatte um die zukünftige Struktur der Jugendhilfe (Stichworte: Zweigliedrigkeit des Jugendamtes, Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien Trägern, Funktion der überörtlichen Jugendbehörden, Konsequenzen der neuen Entgeltregelungen) wünschenswert gewesen.

IV.
Diese kritischen Anmerkungen können jedoch den insgesamt positiven Ertrag des Zehnten Kinder- und Jugendberichts nicht schmälern. Er vermag in besonderer Weise für die Lebenssituation, die Probleme und Perspektiven von Kindern in unserer Gesellschaft zu sensibilisieren. Die politischen und fachlichen Empfehlungen - von der Forderung nach einer sozialraumorientierten, flexibel-bedarfsgerechten Jugendhilfe über diejenige nach einer nachhaltigen Stärkung der Rechtsposition von Kindern bis zu einer MigrantInnen besser berücksichtigenden Hilfestruktur - sind auf allen Ebenen breit zu diskutieren und in konkrete politische und fachliche Programme zu überführen. Die IGfH wird auf ihrer Jahrestagung "Mit Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß. Wie jugendhilfefähig ist Politik - wie politikfähig ist Jugendhilfe?" vom 27. bis 29.09.1999 in Nürnberg ein jugend(hilfe)politisches Forderungspapier vorstellen, das die Empfehlungen des Zehnten Kinder- und Jugendberichts aufgreift und konkretisiert.
Die IGfH fordert zudem die Bundesregierung auf, den Zehnten Kinder- und Jugendbericht wegen seiner Bedeutung vor allem für die Kinder den zuständigen parlamentarischen Gremien erneut vorzulegen. Es gibt zur Zeit in der Bundesrepublik keine bessere Grundlage, von der aus künftige Politik für Kinder, Jugendliche und Familien gestaltet werden kann. Die IGfH hofft, daß die Jugendministerin, Frau Dr. Bergmann, sich dieser Vorstellung anschließen kann und dafür sorgt, daß eine politische Debatte in Gang kommt.

Literatur
1. Rundbrief INTEGRA (1999), herausgegeben von der Bundesstelle des Modellprojekts INTEGRA, Frankfurt/Main, März 1999 (IGfH, Schaumainkai 101-103, 60596 Frankfurt)
Will, H.-D. (1999): Für eine (neue) Kultur des Aufwachsens! Zum Nachlesen und Nachdenken: der 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. In: Forum Erziehungshilfen, 5. Jg., Heft 2, S. 110-112.
Zehnter Kinder- und Jugendbericht (1998), Bericht über die Lebenssituation der Kinder und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland. Bonn 1998 (BMFSFJ).