"Mit Augenmaß, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl": Nürnberger Erklärung der IGFH zu einer integrativen Jugendhilfepolitik. (1999)
IGFH-Aktuell
"Mit Augenmaß, Leidenschaft, Verantwortungsgefühl" Nürnberger Erklärung der IGfH zu einer integrativen Jugendhilfepolitik Die Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen hat sich über die gesamten 90er Jahre hinweg für den Ausbau einer kindgerechten, integrativ und partizipativ ausgerichteten, geschlechtsbewussten Jugendhilfe eingesetzt und sich hierzu mit Projekten, Stellungnahmen und Positionspapieren zu Wort gemeldet (zu erinnern sei nur an die Hamburger Jahrestagung 1991 "Strategien gegen Ausgrenzung", an die Aktivitäten und Veröffentlichungen zur Mädchenarbeit in den Erziehungshilfen, an den Rechte_Ratgeber für Jugendliche in Erziehungshilfen, an das Dresdener Positionspapier "Lebensweltorientierung konkret" und an das z.Zt. laufende Bundesmodellprojekt INTEGRA), sie hat sich also für eine fachliche Qualitätsentwicklung im Bereich der Einrichtungen und Dienste der Jugendhilfe eingesetzt. Im Rahmen der IGfH_Mitgliederversammlung am 27. September 1999 in Nürnberg wurde nun die folgende Erklärung verabschiedet mit dem Ziel, der Fachwelt ihre politischen Rahmenbedingungen (wieder) verstärkt bewusst zu machen und konkrete jugend(hilfe)politische Forderungen an die Politik - auf der Bundes-, der Länder- und der kommunalen Ebene - zu richten.
Vorbemerkung Die erzieherischen Hilfen für Kinder und Jugendliche mit und in besonderen Schwierigkeiten haben sich in den vergangenen 25 Jahren erheblich ausgeweitet und qualifiziert. Wie viele Untersuchungen zeigen, ist das mittlerweile bestehende Netzwerk erzieherischer Hilfen von der Erziehungsberatung über die Familienhilfe und die Tagesgruppenangebote bis zur Pflegefamilie und Heimerziehung geeignet, Mädchen, Jungen und ihre Familien bei teilweise erheblichen Erziehungs- und Lebensproblemen erfolgreich zu unterstützen. Allerdings wird dieser Erfolg moderner Jugendhilfe konterkariert durch schwieriger gewordene gesellschaftliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen. Armut und Massenarbeitslosigkeit, die strukturelle Benachteiligung bestimmter Familienformen (Ein-Eltern- und kinderreiche Familien), das selektive Bildungs- und Beschäftigungssystem und ein zunehmender gesellschaftlicher Härtekult, der Jugend, insbesondere "schwierige" Jugendliche, vornehmlich als Bedrohungspotential wahrnimmt und nach Strafen und Wegsperren ruft, gefährdet oder verhindert die Erfolge noch so gut angelegter sozialpädagogischer Hilfen. Ohne gesellschafts-. und sozialpolitische Neuorientierungen, die die gesellschaftlichen Zukunftsprobleme der nachwachsenden Generation für diese glaubwürdig wieder in den Blick politischen Gestaltungswillens nehmen, ist Jugendhilfe strukturell zunehmend überfordert. Es bedarf also einer neuen Generationenpolitik! Die folgenden Positionen versuchen Eckpunkte einer solchen Politik zu skizzieren.
1. Für ein existenzsicherndes Kindergeld Kinder und Jugendliche sind die traditionell Schwächsten einer Gesellschaft. Zugleich ist die Fürsorge für die nächste Generation eine der beiden Hauptaufgaben, denen sich Gesellschaften stellen müssen, denn neben ihrer Erhaltung muss sich jede Gesellschaft generativ reproduzieren, über die Sorge und Erziehung der nachwachsenden Generation Anschluss an die eigene Zukunft herstellen. Ein Rückzug des Staates aus dieser fundamentalen Aufgabe ist nicht zu verantworten. Nur ein starker Sozialstaat ist in der Lage, seine BürgerInnen vor den Folgen einer globalisierten Ökonomie zu schützen. "Kapital, Güter und manche Dienstleistungen mögen 24 Stunden um den Erdball kreisen, aber die einzelnen Menschen können nicht globalisiert werden", so sinngemäß Bundespräsident Johannes Rau. Einen sich zurückziehenden Sozialstaat können sich nur die Reichen leisten. Wenn über 37 % aller Sozialhilfeempfänger unter 18jährige sind, wenn fast jede dritte alleinerziehende Frau auf laufende Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen ist, dann kann mit dem Sozialisations-Standort Deutschland etwas nicht stimmen.
Qualitätsentwicklungsvereinbarungen in der Jugendhilfe können, wo sie partnerschaftlich vereinbart und ihre Voraussetzungen auch finanziert werden, helfen, die derzeitige Praxis insbesondere auch kleinerer Träger und Initiativen abzusichern und neue Wege der Jugendhilfe eröffnen.
Literatur - Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1998): Zehnter Kinder- und Jugendbericht. Bonn. - Erziehungshilfe-Fachverbände (1998): Jugendhilfe: Hilfe, nicht Strafe. Stellungnahme der vier bundesweit tätigen Erziehungshilfe-Fachverbände AFET, EREV, IGfH und Katholischer Verband zur Diskussion um Jugendkriminalität. In: Forum Erziehungshilfen 4. Jg., Heft 4, S. 234f. - Hiller, G.G. (1999): Unsichere Lebensverläufe erkunden und begleiten, flexiblere Zugänge zum Arbeitsmarkt schaffen - neue Konzepte und Ansätze für eine Zusammenarbeit zwischen Schul-, Sozial- und Berufspädagogik. In: Forum Erziehungshilfen 5. Jg., Heft 4, S. 206-213. - IGfH-Arbeitsgruppe "Multikulturelle Fragestellungen" (1993): Erzieherische Hilfen in der multikulturellen Gesellschaft - Erfahrungen, pädagogische Konzepte, Forderungen. In: Kallert, H./Akpinar-Weber, S.: Ausländische Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung. Frankfurt/Main: ISS-Pontifex 10/1993, S. 145-175. - IGfH (1998): Fort- und Weiterbildung in den Erziehungshilfen: qualifizieren statt reduzieren! Eine Stellungnahme der IGfH. In: Forum Erziehungshilfen 4. Jg., Heft 2, S. 113f.