zurück

Dokument vom 09/24/2002

EU-Kommission: Bericht zur Beschäftigung in Europa für 2002 vorgelegt

Die Europäische Kommission legte jetzt den jährlich erscheinenden Bericht zur Beschäftigungssituation in der EU vor. Danach hält sie es auf der Basis der Analysen weiterhin für möglich, die Beschäftigungsziele von Lissabon für 2010 zu erreichen, sofern sich die Mitgliedstaaten stärker auf Problemregionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen und ältere Menschen konzentrieren würden. Die Zielvorgabe für 2010 liegt bei 70%, das Zwischenziel für 2005 bei 67% Beschäftigungsquote. Die Quote in der EU stieg von 63,2% im Jahr 2000 auf 63,9% im Jahr 2001.

Der jährlich aktualisierte Bericht der Kommission stellt die Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten unter Berücksichtigung der Konjunkturentwicklung sowie der strukturellen Verbesserungen auf den europäischen Arbeitsmärkten seit Mitte der 90er-Jahre dar. Außerdem wird seit neuester Zeit untersucht, welche Rolle die Arbeitsplatzqualität für die Produktivität und die gesamte Beschäftigungsleistung spielt und wo es noch Ungleichheiten (insbesondere zwischen den Geschlechtern und zwischen Regionen) auf den europäischen Arbeitsmärkten gibt. In dem 2002er Bericht wird auch auf die wesentlichen Beschäftigungsentwicklungen in den Beitrittsländern eingegangen und ein Bild des Arbeitsmarktes der EU nach der Erweiterung gegeben. Er enthält ebenfalls detaillierte statistische Tabellen mit makroökonomischen Indikatoren und Schlüsselindikatoren für die Beschäftigung in den Mitgliedstaaten und den Beitrittsländern.

Mehr Arbeitsplätze für Frauen geschaffen

Nach einer positiven Entwicklung der Beschäftigungssituation seit Mitte der 90er Jahre seien die momentanen Aussichten für Konjunktur und Arbeitsmarkt ungewiss. Entgegen den Erwartungen habe das Beschäftigungswachstum noch nicht wieder angezogen, und die Arbeitslosenquote steige weiter leicht an. Außerdem sei die Zahl der gemeldeten Entlassungen weiterhin recht hoch und das Verbrauchervertrauen bleibe gedämpft, fassen die Autoren die derzeitige Situation zusammen. Allerdings, so sieht es die Kommission, sei im Gegensatz zu früheren Konjunkturabschwächungen die EU heute besser für solche Situationen gerüstet. Obwohl 2001 das BIP-Wachstum auf durchschnittlich 1,6% absank und im vierten Quartal sogar ein Negativwachstum zu verzeichnen war, stieg die Beschäftigung in der EU um 1,2% an, was mehr als 2 Millionen Arbeitsplätzen entspricht, wird in der Mitteilung als Beweis angeführt. Die konjunkturelle Abkühlung habe besonders die Industrie getroffen, wo das Beschäftigungswachstum in der zweiten Jahreshälfte 2001 in den Minusbereich abrutschte, erklärt der Bericht, während es sich im Dienstleistungssektor zwar verlangsamte, aber positiv blieb. Bei den Frauen war ein stärkeres Beschäftigungswachstum festzustellen als bei den Männern. Mehr als 60% aller netto in der EU geschaffenen Arbeitsplätze (1,3 Mio.) entfielen auf Frauen. Entsprechend stieg die Frauenbeschäftigungsquote von 54% in 2000 auf 54,9% in 2001. Der Anstieg der Beschäftigungsquote ist stärker auf Vollzeitarbeitsplätze als auf Teilzeitarbeitsplätze zurückzuführen, zeigen die Statistiken. 75% der netto neu geschaffenen Arbeitsplätze waren Vollzeitarbeitsplätze. Aber auch die flexiblen Arbeitsmodelle hätten zur Arbeitsplatzschaffung beigetragen, so die Kommission. 17,9% der Europäer arbeiten in Teilzeit (6,2% Männer, 33,4% Frauen) und 13,4% haben befristete Arbeitsverträge (12,4% Männer, 14,6% Frauen). Als Problem sehen die Fachleute die Frage der Arbeitsplatzschaffung für ältere Arbeitnehmer, was sich in den meisten Mitgliedstaaten ihrer Meinung nach weniger günstig entwickelte. EU-weit lag die Beschäftigungsquote für ältere Menschen zwischen 55 und 64 Jahren im Jahr 2001 bei 38,5%, während die Zielsetzung für 2010 50% beträgt.

Abbau der Arbeitslosigkeit stagniert

Die derzeitige Konjunkturabschwächung hat laut Kommission dazu geführt, dass der zwischen 1995 und 2001 anhaltende Rückgang der Arbeitslosenquote zum Stillstand gekommen ist. Ungeachtet dieser negativen Entwicklung sei es jedoch wichtig, die derzeit ungewissen Konjunkturperspektiven von den strukturellen Verbesserungen auf den europäischen Arbeitsmärkten abzugrenzen. "Aus dem erheblichen Beschäftigungswachstum ohne Inflationsdruck lässt sich schließen, dass die Zunahme der Beschäftigung und der Rückgang der Arbeitslosigkeit strukturell bedingt sind. Sowohl die gemeinsame Währung als auch die europäische Beschäftigungsstrategie tragen zur Nachhaltigkeit dieser Verbesserungen bei, die die Voraussetzung für ein niedriges Zinsniveau während des Abschwungs bildet, das wiederum die nächste Konjunkturerholung unterstützt", so steht es im Text.

Für die Kommission ist eine der wichtigsten Lehren aus diesem Bericht, dass die Arbeitsplatzqualität mit der Produktivität und der Gesamtbeschäftigungsleistung einhergeht, und dass politische Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsplatzqualität auch zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen beitragen können. Derzeit befänden sich jedoch noch bis zu einem Viertel aller Vollzeitbeschäftigten und mehr als zwei Drittel der unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten in Beschäftigungsverhältnissen mit niedriger Qualität, d. h. auf schlecht bezahlten Arbeitsplätzen mit geringer Produktivität, die weder Arbeitsplatzsicherheit noch Zugang zu Fortbildungs- oder beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Solche Arbeitsplätze mit niedriger Qualität würden vielleicht oft den Zugang Arbeitsloser zum Arbeitsmarkt erleichtern, bestätigen die Autoren, jedoch bestehe für Beschäftigte in diesen Arbeitsverhältnissen ein sehr viel größeres Risiko, arbeitslos oder nicht erwerbstätig zu werden. Mehr als die Hälfte von ihnen würden länger als zwei Jahre in Arbeitsverhältnissen mit niedriger Qualität und bis zu 25% werden entweder arbeitslos oder fünf Mal mehr nicht erwerbstätig als bei den Beschäftigten in Arbeitsverhältnissen mit hoher Qualität. Werden sie arbeitslos, so hätten sie auch eine sehr viel geringere Aussicht, wieder eine Beschäftigung zu finden, insbesondere einen Arbeitsplatz mit hoher Qualität, was die Gefahr eines "Teufelskreises" zwischen Beschäftigungsverhältnissen mit niedriger Qualität und Arbeitslosigkeit nahe legt, so der Bericht.

Geschlechts- und regionalspezifische Beschäftigungsunterschiede reduzieren

Die Bewältigung von geschlechtsspezifischen Unterschieden und regionalen Disparitäten sieht die Kommission als eine der wichtigen Aufgaben an, um das Lissabonziel der Vollbeschäftigung zu erreichen. Als ein Beispiel der geschlechtsbezogenen Ungleichgewichte wird der Unterschied beim Einkommen angeführt. Das von Frauen liegt in der gesamten Union etwa 16% unter dem der Männer, davon 11% im öffentlichen und 24% im privaten Sektor. Als wichtigste Gründe für diese geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede nennt der Bericht u. a. die Geschlechtertrennung nach Wirtschaftszweigen und ausgeübten Berufen, mit einer höheren Konzentration der Frauen in Niedriglohnsektoren und –berufen, weniger Frauen in Führungspositionen, mehr Frauen in atypischen, schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen, Frauen haben häufigere und längere Unterbrechungen der beruflichen Laufbahn und auch häufiger Betreuungspflichten als Männer. Was den regionalen Aspekt der Beschäftigungsleistung angeht, so hat sich das Gefälle trotz der stärkeren Angleichung der EU-Länder in den letzten fünf Jahren verstärkt, informiert der Bericht. Die Disparitäten seien auf Unterschiede in den regionalen Produktionsstrukturen und in den Humanressourcen der Regionen zurück zu führen. Im Fall von Regionen beispielsweise, die durch eine hohe Beschäftigung im Dienstleistungssektor sowie durch niedrige Qualifikationen gekennzeichnet seien, habe das relativ niedrige Qualifikationsniveau der Humanressourcen verhindert, dass diese Regionen im Hinblick auf die Beschäftigungsquoten mit den anderen gleichziehen konnten. Die Unterschiede werden nach Auffassung der Kommission vermutlich nach dem Beitritt der ersten Gruppe neuer EU-Staaten noch größer. Die Gesamtbeschäftigungsquote einer erweiterten EU werde um etwa 1,5% abnehmen, weshalb gerade die regionale Kohäsionspolitik als wichtig erachtet wird. Der gesamte Text des Berichtes "Beschäftigung 2002" ist im Internet zu finden unter http://europa.eu.int/comm/dgs/employment_social/key_de.htm.

Datenquelle: BBJ-Brüssel, 24.09.2002


Eingestellt von:Rudolf Martens
Kategorie:Fachübergreifend

Paritätischer Informationsdienst